Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik. Dritte umgearbeitete Ausgabe
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit3865/445/
430 Dritte Abtheilung. Vierzehnter Abschnitt. 
zu betrachten sind, ist kein Zweifel, denn die alte Regel ist, dass 
Melodien in der ersten Leiter in d schliessen müssen, die der zwei¬ 
ten in e, der dritten in /, der vierten in g ; dadurch ist der Anfangs, 
ton jeder dieser Leitern als Tonica charakterisirt. Wir dürfen diese 
von Ambrosius getroffene Anordnung wohl als eine praktische 
Vereinfachung der alten, mit einer inconsequenten Nomenclatur 
überladenen Musiklehre für seine Chorsänger betrachten, und zurück- 
scliliessen, dass wir Recht hatten zu vermuthen, dass die ähnlich aus¬ 
sehenden griechischen Tonleitern aus der griechischen Blüthezeit 
wirklich als essentiell verschiedene Tonleitern gebraucht werden 
konnten. 
Papst Gregor der Grosse fügte zwischen die Ambrosianischen 
Leitern noch ebensoviel accidentelle, die sogenannten plagalischen, 
ein, welche von der Quinte der Tonica zur Quinte liefen. Die Am- 
brosianischen Messen im Gegensatz zu diesen die authentischen. 
Die Existenz dieser plagalischen Kirchentöne half die Verwirrung 
vermehren, welche gegen das Ende des Mittelalters über die Kir¬ 
chentöne ausbrach, als die Componisten die alten Regeln über die 
Lage des Schlufestones zu vernachlässigen anfingen, und diese Ver¬ 
wirrung diente dazu, eine freiere Entwickelung des Tonsystemes zu 
begünstigen. Darin zeigt sich übrigens auch, wie schon im vorigen 
Abschnitte bemerkt wurde, dass das Gefühl für die durchgängige 
Herrschaft der Tonica auch im Mittelalter noch nicht sehr ausge¬ 
bildet war; während den griechischen Schriftstellern gegenüber doch 
wenigstens schon der Fortschritt gemacht war, dass man das Ge¬ 
setz des Schlusses in der Tonica als Regel anerkannte, wenn auch 
nicht immer befolgte. 
Glare an us suchte 1547 in seinem Dodecachordon die Lehre 
von den Tonarten wieder in das Reine zu bringen. Er wies durch 
Untersuchung der musikalischen Compositionen seiner Zeitgenossen 
nach, dass nicht 4, sondern 6 authentische Tonarten zu unterschei¬ 
den seien, die er mit den oben dazu angegebenen griechischen Na¬ 
men verzierte. Dazu nahm er 6 plagalische, und unterschied im 
Ganzen also 12 Tonarten, woher der Name seines Buches kommt. 
Also auch noch im sechzehnten Jahrhundert wurden essentielle und 
accidentelle Tonleitern in einer Reihe fortgezählt. Unter des Gla¬ 
re anus Tonleitern ist noch eine unmelodische, nämlich für das 
Quintengeschlecht, welches er die lydisclie Tonart nannte. Für die¬ 
ses mangeln die Beispiele, wie auch Winterfeld bei einer sorg-
        

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