Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirter Leitfaden der Astronomie, Physik und Mikroskopie in Form eines Führers durch die Urania zu Berlin [Sammlung populärer Schriften, herausgegeben von der Gesellschaft Urania zu Berlin No. 12]
Person:
Wilhelm M. Meyer
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38641/52/
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Phosphorescenz der Nachtseite der Venus. Wenn die Sichel derselben 
noch ganz schmal, also der gröfste Theil der uns zugewandten 
Seite noch in Nacht gehüllt ist, erscheint diese unter ähnlichen 
Beleuchtungsverhältnissen wie unser Mond von dem dämmernden 
Himmelsgrunde sich als helle Fläche abhebend. Ein grünlich- 
weifs phosphorescirendes Licht geht dann von der Nachtseite der 
Venus aus. Während wir nun diese Erscheinung an unserem Monde 
sehr leicht aus der strahlenden Wirkung der Erde erklären können, 
ist eine ähnliche Erklärung für die Venus nicht möglich. Allerdings 
strahlt die Erde um diese Zeit in jenem Oberflächentheile unseres 
Nachbarplaneten als hellster Stern am mitternächtlichen Himmel, aber 
es läfst sich leicht auf das genaueste berechnen, dafs die Lichtmenge, 
welche sie alsdann der Venus spendet und welche von dort her wie¬ 
der zu uns zurückgelangen kann, ganz bedeutend geringer als die 
unter solchen Umständen wirklich wahrgenommene ist. Einen Mond 
besitzt bekanntlich Venus nicht, welcher die Erscheinung sonst wohl 
erklären könnte. Vermuthungen über das Vorhandensein eines Venus¬ 
mondes, welche in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auf¬ 
traten und noch in jüngerer Zeit ausführlich diskutirt wurden, haben 
sich nicht bestätigt. Auch beweist das vorübergehende, intermittirende 
Auftreten dieses seltsamen Lichtes, dafs es sich hier offenbar um Vor¬ 
gänge auf dem Planeten selbst oder doch um solche in der Atmo¬ 
sphäre desselben handelt. Da nun dieses Phänomen zu Zeiten hefti¬ 
ger Revolutionen auf der Sonnenoberfläche besonders hervortritt, 
ein inniger Zusammenhang zwischen diesen und den Vorgängen auf 
den Planeten aber schon durch das gleichzeitige Auftreten von Sonnen¬ 
flecken und irdischen Polarlichtern nahe gelegt wird, so kann das 
phosphorescirende Licht der Venus möglicherweise etwas mit unseren 
Polarlichtern Verwandtes sein. 
Da die Erscheinung oft von nur sehr flüchtigem Auftreten ist, 
dann aber, wie bereits erwähnt, verhältnifsmäfsig sehr leicht wahrge¬ 
nommen werden kann, so sei dieselbe der Beachtung der Freunde 
astronomischer Beobachtung, auch wenn sie nur mit geringeren Fern¬ 
rohren versehen sind, bestens empfohlen. Es ist zu erwarten, dafs 
dieselbe in dem gegenwärtig (1891/92) eingetretenen Stadium zu¬ 
nehmender Sonnenthätigkeit wieder öfters auftritt. 
Venus-Durchgänge. Bekanntlich sind Venusdurchgänge durch 
die Sonnenscheibe noch bei weitem seltener als Merkurdurchgänge. 
Sie ereignen sich durchschnittlich in jedem Jahrhundert nur zweimal; 
doch haben wir weder in diesem noch im folgenden Jahrhundert einen
        

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