Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit3858/545/
532 DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNGEN. §. 2S 
leuchtende Punkt längs dieser Visirlinie hin und her bewegen würde, so würde 
sich in der Empfindung nichts verändern, als dass das Zerstreuungsbild desselben 
kleine Vergrösserungen und Verkleinerungen erlitte, welche selbst hei sehr 
bedeutendem Wechsel der Entfernung unmerklich klein sein könnten. 
Es lässt sich ferner zeigen, dass auch durch eintretende Accommodation des 
Auges für die Nähe der Mittelpunkt der Zerstreuungskreise auf der Netzhaut 
seinen Ort nicht merklich verändert. Die darauf bezügliche Rechnung wird am 
Ende dieses Paragraphen gegeben werden. 
Um nun zur Anschauung zu bringen, was wir mit einem Auge ohne Hilfe 
von Bewegungen des Kopfes und ohne Berücksichtigung der Accornmodations- 
unterschiede von der Aussenwelt erkennen können, dazu sind namentlich sehr 
weit entfernte Gegenstände als Gesichtsobjecte die passendsten Beispiele. Denn 
bei sehr weit entfernten Objecten bringen mässige Bewegungen unseres Kopfes 
keine andere Veränderung des Bildes hervor, als wir auch durch Drehungen 
das Auges allein hervorbringen können. Ja, beim Anblick unendlich entfernter 
Objecte ist es sogar gleichgültig, ob wir das zweite Auge ebenfalls öffnen, oder 
nicht. Denn der Gebrauch des zweiten Auges giebt uns nur dann ein 
neues verwerthbares Moment der Empfindung, wenn die in ihm gezogene Visir- 
iinie die des ersten Auges irgendwo in einer messbaren Entfernung schneidet. 
Wenn beide Linien merklich parallel sind und neben einander in unabsehbare 
Entfernung hinauslaufen,-so giebt uns das keinen Aufschluss über die wirkliche 
Entfernung des leuchtenden Objectes, ausser dem negativen, dass es jenseits 
! einer gewissen Grenze der Entfernung liegen muss. 
Betrachten wir weit entfernte irdische Gegenstände, so kann uns die früher 
gewonnene Bekanntschaft mit ihrer wirklichen Form und Entfernung, Farbe u. s. w. 
noch mancherlei Hilfe in der Deutung unseres Gesichtsfeldes gewähren. Wollen 
wir uns von allen diesen Hilfsmitteln früherer Erinnerung frei machen, so 
bietet sich uns ein Object dar, was'für diese Untersuchung in ausgesuchter 
Weise passt, nämlich der gestirnte Himmel. An dem finden wir Objecte, von 
deren Form, Grösse und Entfernung uns durchaus keine frühere Anschauung 
unterrichtet hat, für deren Wahrnehmung der Gebrauch beider Augen und die 
etwa von uns ausgeführten Bewegungen durchaus nicht weitere sinnliche Momente 
gewähren, als ein einzelnes Auge gewähren kann, dessen Ort im Raume unver¬ 
ändert bleibt. 
Unter diesen Umständen erscheinen uns die Objecte, welche in der That 
im Réunie nach drei Dimensionen vertheilt sind, nur noch nach zwei Dimen¬ 
sionen ausgebreitet. Wir sind nur noch im Stande, die Richtung der Visirlinie 
zu erkennen, die zu jedem einzelnen gesehenen Punkte hinführt. Eine solche 
Richtung braucht zu ihrer Festsetzung nicht mehr drei Bestimmungsstücke, wie 
ein Punkt, sondern nur zwei; wie denn auch die Sterne in ihrer Lage be¬ 
stimmt werden durch je zwei Winkel, entweder ihre Länge und Breite im 
Verhältniss zum Pol und Aequator, oder ihre Rectascension und Declination im 
Verhältniss zur Ekliptik. 
Eine Raumgrösse von zwei Dimensionen ist eine Fläche; in einer solchen 
ist die Lage der Punkte festgestellt durch je zwei Bestimmungsstücke. Wenn
        

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