Bauhaus-Universität Weimar

CARL STUMPF 
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logische Teile“ als ungeeignet fallen lassen. In dieser Abhandlung 
war ich bemüht, für die Gesichtsempfindungen das ihnen jetzt 
zumeist abgesprochene Attribut der Intensität zu retten. Qualität, 
Helligkeit, Intensität und Extensität scheinen, wenn auch in sehr 
verschiedenem Ausprägungsgrade, allen Empfindungen zuzukommen. 
In einer anderen, schon von Aristoteles erwogenen Haupt¬ 
frage: Einheit oder Vielheit gleichzeitiger und gleichlokalisierter 
Empfindungen desselben Sinnes entschied ich mich beim Tonsinn 
für Vielheit, beim Farbensinn für Einheit und legte auch sonst 
gegenüber gewaltsamen Analogisierungen Gewicht auf die wesent¬ 
lichen Verschiedenheiten dieser beiden Sinne in Hinsicht ihrer 
immanenten Gesetzlichkeiten. 
Im Tongebiete sind vor allem die Eigenschaften der einfachen Töne 
festzustellen, d. h. derjenigen, die durch Sinusschwingungen erzeugt 
werden, da diese erfahrungsgemäß auf keine Weise, durch keine Übung 
und Aufmerksamkeit, subjektiv in eine Mehrheit zerlegt werden können, 
daher am meisten konstante Ergebnisse versprechen. Zu ihrer sicheren 
Herstellung führte ich die Zerstörung der Obertöne durch Interferenz¬ 
röhren ein, und wies auf diesem Wege zugleich nach, daß eine Klangquelle 
nur mitschwingt auf eine (annähernd) gleichgestimmte, nicht auf ein 
Divisivum davon, wie Physiker nach Wheatstones Vorgang früher 
vielfach lehrten und Wundt noch durch besondere Versuche hatte dar¬ 
tun wollen. Dadurch war ein bequemes Hilfsmittel für die Analyse von 
Klängen gewonnen, und es zeigten sich bis dahin als einfach geltende 
Klangquellen noch recht zusammengesetzt. Infolge davon verloren 
z. B. Rudolf Königs berühmte Beobachtungsreihen an elektromagne¬ 
tischen Gabeln und an der Wellensirene ihre gegen Helmholtz gerichtete 
Spitze. 
Meine Ansichten über die Grundeigenschaften einfacher Töne haben 
sich seit der Tonpsychologie insofern geändert, als ich jetzt die „musi¬ 
kalische Qualität“, die von Oktave zu Oktave wiederkehrt, neben der 
„Höhe“, die einfach den Schwingungszahlen parallel läuft, als in der 
individuellen Entwicklung gleich ursprüngliches Moment gelten lasse. 
Diese bereits in der Tonpsychologie ausführlich diskutierte Eigenschaft 
glaubte ich damals empiristisch aus der Verschmelzung der Oktaven¬ 
töne herleiten zu können, habe sie aber als Tatsache natürlich stets 
anerkannt. 
Die Verschmelzungsunterschiede selbst, die jetzt allgemeinen Ein¬ 
gang in der Psychologie gefunden haben, sind auch ein altes Erbgut. 
Sie waren zum Teil schon den griechischen Theoretikern bekannt. Ich 
habe sie aber, noch ohne dies zu wissen, in der Prager Zeit am Klavier 
aufgefunden und später durch die Statistik der Einheitsurteile Unmusi¬ 
kalischer auch objektiv nachgewiesen. Die dabei auftretenden Unter¬ 
schiede in den Zahlen der Einheitsurteile sind auch weiterhin immer 
wieder bestätigt worden. 
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