Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kadmus oder Allgemeine Alphabetik vom physikalischen, physiologischen und graphischen Standpunkt
Person:
Du Bois-Reymond, F. H.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38576/272/
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Graphik. 
muthung nahe gestanden haben, dass ich mich gewiss mit gros¬ 
sem Eifer diesen Reformatoren der deutschen Orthographie an- 
schliessen würde. Dies thäte ich allerdings gern, wenn ich im 
Besitze eines moralischen Hebels wäre, wie der physische, wel¬ 
chen Archimedes verlangte, um den Erdball heben und fort¬ 
rücken zu können. Keine Macht der Welt, weder die engli¬ 
schen Flotten, noch die Napoleonischen Armeen, geschweige 
denn akademische, oder gar kirchliche Aussprüche, wären im 
Stande irgend eine wesentliche Reform der Orthographie zu be¬ 
wirken, und um so weniger einzelne neuere Grammatiker, die 
nicht einmal mit einander einig sind. Was vor zwei oder 
drei Jahrhunderten vielleicht ausführbar gewesen wäre, auch 
zum Theil allmälig in kleinen Dingen erfolgte, ist bei der 
jetzigen Verbreitung der Bücher und Bibliotheken, der Schreib¬ 
und Lesekundigen, rein unmöglich und chimärisch geworden. 
Vorschläge und Versuche, welche die Läuterung der deutschen Ortho¬ 
graphie bezwecken, sind jetzt, wie schon früher, wüeder an der Tagesordnung. 
Zeitgemäss erscheint es daher, wenn competente, kräftige Stimmen, sich 
darüber vernehmen lassen. Als eine solche gilt der Aufsatz: „Die Ver¬ 
besserung unserer Rechtschreibung“, vom Professor der deutschen 
Sprache und Literatur in Königsberg, Julius Zacher (im Jahrbuch zum Con- 
vers.-Lex.: Unsere Zeit, 52. Heft, — Apr. 1861 — pag. 237—251). Mit 
Bezug auf die heutige orthographische Verwirrung äussert sich der gelehrte 
Verfasser, pag. 244, wie folgt: „wäre es da nicht das Richtigste und Ein¬ 
fachste zugleich, eine Radicalcur vorzunehmen, alles Falsche mit einem herz¬ 
haften Rucke hinauszuwerfen, und sofort das Rechte an seine Stelle zu 
setzen? — Dieser Gedanke, so verlockend er scheinen mag, so verkehrt wäre 
er: praktisch unausführbar und theoretisch falsch. Denn unsere gegenwärtig 
übliche Orthographie mit allen ihren Mängeln und hehlern ist durch jahr¬ 
hundertelange Verjährung ein allgemeingiltiger Besitz des Volkes geworden, 
ein Gebrauch, ein Usus. Und solchen, durch lange Verjährung, allgemein 
giltig gewordenen Usus muss auch der Grammatiker respectiren u. s. f. 
Pag. 250. — „Neben der wachsenden Einheit im Grossen und Ganzen wird 
noch auf lange Zeit hin ein immer weiter fortrückendes Gebiet des schwan¬ 
kenden Schreibgebrauches bestehen, und'wohl für immer auch ein gewisser 
Spielraum des freien persönlichen Ermessens und Beliebens übrig bleiben. 
Und so soll es auch sein! — denn wahres Leben wohnt nur in der Bewegung 
und in der Freiheit u. s. f.“ 
Der wahre, der wirklich praktische Nutzen, den ich von 
meinem neuen Alphabet erwarte, ist ein bescheidnerer. Ein¬ 
mal hoffe ich, dass dessen Begründung in den zwei ersten 
Theilen der gegenwärtigen Schrift: Akustik und Phonetik,
        

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