Bauhaus-Universität Weimar

Das gleichschwebend temperirte Tonsystem. 
225 
intoniren dürfe, gelangt auf Grund eines Compromisses, welches der 
praktische Musiker Steiner mit dem Akustiker Steiner geschlossen, 
zu dem Bekenntnisse, dass das temperirte System, wenn mit wenig 
Mitteln viel geleistet werden soll, ') ohne Frage dasjenige ist und 
bleibt, welches zum praktischen Musikmachen allein taugt und zu¬ 
gleich das Ohr hinlänglich befriedigt. — Man findet besagtes Com- 
promiss auf S. 55 der erwähnten Schrift; es lautet also: »Eine 
grosse gleichschwebend temperirte Terz ist für die Melodik zu tief, 
für die Harmonik zu hoch; bei der kleinen Terz findet das Gegen- 
theil statt. Das Ohr nimmt aber ganz allgemein dort, wo es ge¬ 
spannte melodische Intervalle erwartet, lieber mit mässig bewegten 
temperirten, als mit vollkommen ruhigen harmonischen Intervallen 
vorlieb.; ebenso begnügt es sich bei ruhig sein sollenden Accorden 
lieber mit mässig vibrirenden temperirten, als heftig pulsirenden me¬ 
lodischen Intervallen. Diese günstige Stellung der temperirten Stufen 
zwischen den jeweiligen melodischen und harmonischen Intervallen 
ermöglicht eine beständige Idealisirung der temperirten Formen im 
Sinne der akustisch reinen Stimmung.« -— Ist diese Idealisirung eine 
beständige — und dass sie es ist, bestätigen sicherlich Alle, die 
Musik machen und die Musik hören —■ so erfüllt die gleichschwebende 
Temperatur alle an ein vollkommenes Tonsystem zu stellenden Be¬ 
dingungen. 
Noch ein Argument der Akustiker, ein scheinbar gewichtiges, 
gegen die temperirte Terz soll ebenfalls nicht unbesprochen bleiben. 
Es betrifft den Differenzton. Bei reinen grossen Terzen bildet 
dieser die tiefere Doppeloctave des Grundtones (5 — 4 — 1). Bei 
temperirten Terzen wird dieser Grundbass zu hoch sein, der Accord 
daher unrein klingen, und man mag diesen Grundbass immerhin 
einen »abscheulichen« nennen, wiewohl die Sache in Wirklichkeit 
nicht so arg ist; denn der Differenzton der temperirten Terz weicht 
von jenem der reinen äusserst wenig ab, wovon wir uns mittels 
unserer beiden stimmbaren Zungenpfeifen sofort überzeugen können. 
Ausserdem kommt der Differenzton bei Terzen, die von ge¬ 
trennten Klangquellen herrühren, wenn sie nicht durch sehr scharfe 
und starke Klänge erzeugt werden, und nicht höheren Lagen, als 
etwa bis zur zweigestrichenen Octave, angehören, für den unbefangenen 
’) Ja, ist denn diess nicht das Ziel jeder Fortschrittsbestrebung? 
Zellner, Vorträge über Akustik. II. 15
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.