Bauhaus-Universität Weimar

Das System der reinen grossen Terz. 187 
rein gepriesenen Systeme — fürwahr ein fataler Casus. Wie dem 
aber abhelfen? 
Die Verminderung der Secunde 9/8 auf 10/9 würde zwar die 
reine Quinte herstellen, dagegen aber alle Intervalle und Accorde, in 
welchen sie einen der Bestandtheile bildet, unrein machen. Die Her¬ 
stellung der reinen Quinte durch Erhöhung der Sexte führt aber zu 
der beseitigten pythagoräischen Sexte, die nun mit der natürlichen 
Terz eine falsche Quarte = 2,/2» bilden würde. Ausserdem wäre die 
kleine Terz II . IV um das Komma 81/S0 ebenfalls klein.1) 
Um also mit diesem Systeme accordisch musiciren zu können 
und sich dabei in der Tonart zu erhalten, heisst es temperiren, 
d. h. die natürlichen Verhältnisse der Töne zu einander abändern, 
sie grösser oder kleiner machen, um relativ reine Intervalle und 
Accorde zu erlangen, allerdings nie ohne den Beigeschmack eines 
Schaukelspiels auf- und abschwebender Höhe derselben Töne und 
derselben Tonart. 
Also: man muss in diesem Systeme temperiren. Wir wollen 
hier ganz davon absehen, dass diesem Temperiren weder bestimmte 
Regeln, noch ein bestimmtes Mass zu Grunde liegen, es also der 
Willkür, d. h. dem Gehöre des Einzelnen der Ausführenden anheim¬ 
gestellt ist, um wieviel der natürliche Tonschritt höher oder tiefer 
gemacht werden soll,2) wir sehen, wie gesagt, hievon ab und fragen 
blos: Mit welchen Tonwerkzeugen ist man im Stande, auf Grund 
dieses Systems accordische Musik zu machen? 
Die theoretische Antwort lautet : Einzig und allein nur mit einem 
Vereine von Singstimmen; denn die Menschenstimme ist das einzige 
Instrument, welches innerhalb seines Tonumfanges in der Intonation 
völlig frei zu walten vermag. 
Streichinstrumente sind an die reine Quintenstimmung und dem¬ 
zufolge an die pythagoräische Sexte = 27/i6> und, wenn Violine und 
Viola zusammenspielen, auch an die pythagoräische Terz — 81/64 ge¬ 
bunden. Sie können zwar allerdings unter Einbusse an Klanghelle auf 
die leeren Saiten (ausgenommen die tiefste) verzichten, so lang es 
einstimmig geht; dann aber kommen endlich doch wieder eine oder 
n 4/ 8/ _ 32/ 81/ _ 2592/ — 6/ 
) 73 * /9 — /27 • /80 — /2160 — /5* 
2) Das im 56. Vortrage citirte Beispiel aus H. Bellermann sei hier 
in Erinnerung gebracht.
        

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