Bauhaus-Universität Weimar

Das System der reinen grossen Terz. 185 
Durch die von Zarlino in die diatonische Leiter eingeführte 
Terz 5/4 wurde ein Tonsystem begründet, welches man das 
»natürliche« oder »reine«, oder auch das »System der kleinsten 
Zahlen « nennt. 
Den ersten Titel gaben ihm die Physiker im Hinblicke darauf, 
dass sich aus der natürlichen Zerlegung einer Saite oder der Luft¬ 
säule einer offenen Röhre in Theilschwingungen Töne nicht nur für 
alle zur Verwendung in der Musik geeigneten Intervalle, sondern 
auch für solche, die dazu nicht tauglich sind, von selbst ergeben. 
Das System der natürlichen Terz gewann über das pythagoräische, 
dessen Terz als »der Natur zuwider« erklärt wurde, die Herrschaft, 
die es allerdings schon nach 200 Jahren an das »temperirte« -— 
voraussichtlich für lange Zeit — abgeben musste, wiewohl es immer 
noch Physiker gibt, die einer Wiedereinführung des natürlichen 
Systems in die heutige Musik das Wort reden, sie mithin für möglich 
halten. 
Dass Mathematiker, welche den Wohllaut der Tonverhältnisse 
den einfachen Zahlen zuschreiben, sich zu diesem Systeme ebenfalls 
hingezogen fühlen mussten, ist begreiflich. 
Die »natürliche« Tonreihe bot für die Bildung der Tonleiter 
allerdings Töne fertig dar, die die Griechen erst durch Berechnung 
finden mussten, so die Terz, die grosse Secunde (mit welcher die 
»griechische« übrigens genau übereinstimmt) und die grosse Septime. 
Die für die Dreiklänge der Tonika und der Oberdominante erforder¬ 
lichen Klänge sind somit in der That Naturproduct. 
Für die nach der Octave und Quinte als die vollkommenste 
Consonanz von jeher geltende Quarte jedoch (die schon der vier- 
saitigen Lyra des Orpheus nicht fehlte), wie für die grosse Sexte 
hat die natürliche Tonreihe, wie dies schon früher ausführlich dar¬ 
gelegt wurde, die entsprechenden Töne versagt, und man war be¬ 
züglich ihrer genau so auf den Rechenstift angewiesen, wie Pytha¬ 
goras es gewesen, es wäre denn, dass man sich mit einer lücken¬ 
haften Scala hätte begnügen und auf den für die Modulation gleich 
wichtigen dritten grossen Dreiklang der Tonart (jenen der Unter¬ 
dominante) verzichten wollen. Denn erst in der siebenten Octave der 
natürlichen Tonreihe würden in dem 177. und 213. Tone Reprä¬ 
sentanten für die Quarte und Sexte zu finden sein, die den ge-
        

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