Bauhaus-Universität Weimar

Das Ohr, wie und was es hört. 
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Tonverhältnisse als solche empfinden, so wäre das Anhören jeder 
Musik, zumal aber von Orchestermusik, eine Qual, da selbst das 
denkbar reinst gestimmte Orchester nach den ersten fünf Minuten 
seines Zusammenspielens nothwendig nach allen Richtungen verstimmt 
sein muss, da die Bläser steigen und die Streicher fallen, oder schon 
von allem Anbeginne zu hoch sind. 
Kurz: das Ohr ist geduldig, mit welchen Worten Chladny 
das musikalische Anpassungsvermögen unseres Hörorganes treffend 
bezeichnet. 
Inwiefern und in welcher Weise an solchen Ergebnissen unserer 
Willensrichtung, wie die zuvor geschilderten, auch physiologische 
oder gar physikalische Momente mitwirken, wird noch erforscht 
werden müssen. 
Dagegen dürfte es kaum einem Zweifel unterliegen, dass das¬ 
jenige, was man unter innerem Hören begreift, auf einem rein 
geistigen Processe beruht. 
Dieses musikalische Denken bildet das punctum saliens der 
Musik, dieser Seelen vollsten der Künste. Wer diess nicht vermag, 
wird nie componiren, nie den Sinn eines Musikstückes verstehen, nie ein 
Ton vorstellungsvermögen, mithin auch kein Musikgedächtniss erlangen, 
nie Musik lesen können, mit einem Worte nie musikalisch werden. 
— Aber auch zum eigentlichen, vollen musikalischen Gemessen, d. i. 
zum Verständniss dessen, was wir hören, ist diese Fähigkeit noth¬ 
wendig, weil ohne sie das Wohlgefallen an der Musik sich über das 
Niveau eines materiellen Sinnenreizes, wie ihn etwa das Essen, Trinken 
oder Rauchen gewährt, kaum erheben könnte. 
Dass das musikalische Denken anerzogen und durch Uebung 
ausgebildet werden kann, wird wohl kaum einem Widerspruche be¬ 
gegnen. Es wäre deshalb wünschenswerth, dass die Erziehungslehre 
auch diesem Punkte, überhaupt der Ausbildung der Sinneswahrneh¬ 
mungen, eine eingehende und systematische Pflege angedeihen Hesse. 
Mit der musikalischen Gehörsbildung, welche die Grundlage für die 
weitere Entwicklung des musikalischen Denkvermögens abgibt, kann 
nicht früh genug begonnen werden. Sie ist somit Aufgabe der Kinder¬ 
schule. Allerdings lässt sich mit dem Vorspielen der Melodie auf der 
Geige da nichts erzielen. Schon das erste Lied muss accordisch be¬ 
gleitet sein. Hiedurch wie mittels zweckmässiger Intervallübungen, 
woran sich allmälig erweiterte Versuche mehrstimmigen Gesanges 
Zellner, Vorträge über Akustik. II. 8
        

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