Bauhaus-Universität Weimar

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Die Geschwindigkeit des Schalles. 
möglich, bevor wir nicht den hiebei wesentlich mitbestimmenden 
Factor in Rechnung zu ziehen gelernt haben: die Wärme. — 
Welche wichtige Rolle die Wärme im Haushalte der Natur 
wie im Dasein der Lebewesen spielt, ist bekannt. Sie hinweg ge¬ 
dacht, träten Erstarrung und Tod auf dem Erdbälle sofort ein. — 
Von verhältnissmässig ebenso grosser Bedeutung ist die Wärme für 
die Welt der Klänge. Man hat im Allgemeinen keine Ahnung, wie 
sehr alle akustischen Erscheinungen von der Temperatur beeinflusst 
werden. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit -—- zumal in der Luft — 
des Schalles hängt wesentlich von ihr ab ; noch bedeutender ist ihre 
Wirkung auf die Tonhöhe. Wenn wir alle die mannigfaltigen und 
oft ganz entgegengesetzten Aenderungen kennen gelernt haben werden, 
die die tönenden Körper durch die Wärme erfahren, so wird man 
erkennen, dass z. B. der Begriff der reinen Stimmung eines Musik¬ 
instrumentes in Wirklichkeit auf genau derselben Stufe steht, wie 
der eines viereckigen Kreises. Beide bedeuten einfach etwas Un¬ 
mögliches; ersteres aber ganz besonders dann, wenn es sich um die 
Stimmung einer grösseren Zahl verschiedener Instrumente, um die 
Stimmung eines Orchesters handelt. 
Mögen wir uns ein solches noch so vollkommen rein gestimmt 
denken, ein einziger Grad Celsius mehr oder weniger genügt, um 
diesen schönen Wahn gründlich zu zerstören. 
Man braucht sich blos zu erinnern, dass die Wärme alle Körper 
vergrössert. Die Molecule treten auseinander, bedürfen sonach eines 
erweiterten Raumes. Feste Körper, und vor Allem Metalle, dehnen 
sich, je nach ihrer Structur, mehr oder minder gleichmässig nach 
allen Richtungen ihrer Gestalt; die luftförmigen werden verdünnt und 
dadurch beweglicher. 
Die Aenderungen, welche die Wärme in tropfbarflüssigen Kör¬ 
pern hervorruft, können hier übergangen werden, da diese in der 
musikalischen Akustik soviel wie keine Rolle spielen, oder wenigstens 
keine solche, dass Temperaturänderungen in Betracht kämen. 
Wer Gelegenheit hatte, zu verschiedenen Jahreszeiten längs 
einer Eisenbahn zu gehen, wird bei Betrachtung der Schienen be¬ 
merkt haben, dass sie an den Berührungsstellen im Sommer genau 
aneinander passen, während sie im Winter ziemlich weit von einander 
klaffen. Claviere gewöhnlicher Bauart werden im Sommer tiefer, weil
        

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