Bauhaus-Universität Weimar

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Singen und Sprechen. 
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Kehren wir nun zu dem Unterschied des Singens und 
Sprechens zurück, so ergibt sich, dafs in den bewegten Teilen 
der Rede, bei den gröfseren stetigen Höhenschwankungen der 
Stimme, die musikalischen Qualitäten gegen die übrigen Grund¬ 
eigenschaften stark zurücktreten müssen, wenn sie auch nicht 
vollständig fehlen. Wenn wir daher die Noten, durch welche 
die erkennbaren relativ festen Tonhöhen der Rede angegeben 
werden, durch gerade Striche oder andere Kurven, die die 
stetigen Übergänge andeuten, miteinander verbinden, so ist 
dabei zu beachten, dafs durch diese das lebendige Sprechen 
vielfältig durchsetzenden stetigen Tonveränderungen der musi¬ 
kalische Eindruck der Sprachmelodie ganz wesentlich beein¬ 
trächtigt werden mufs. Aber es darf nicht übersehen werden, 
dafs hieran nur die bewegten Teile der Rede Schuld sind 
und dafs bei diesen eben in der Stetigkeit der Tonveränderung 
selbst die letzte Ursache dieses Unterschiedes liegt. Das grund¬ 
legende unterscheidende Merkmal liegt also tatsächlich in dem 
Gebrauche stetiger neben sprunghaften Tonveränderungen 
durch die Sprache gegenüber dem prinzipiellen Ausschlüsse 
stetiger Höhenveränderungen in der Musik. Die griechischen 
Musiktheoretiker haben dies vollkommen richtig erfafst, wenn¬ 
gleich nicht allseitig genug erläutert. 
§ 6. Rückblick auf Köhlers These. 
Wir verstehen nun aber auch besser das Zustandekommen 
und die Wurzeln der KÖHLEEschen These. Köhlee selbst geht 
von der Stetigkeit der Ton Veränderungen in der Sprache aus, 
ja er scheint geneigt, diskrete Stufen, Schritte in festen Tönen, 
hier überhaupt für ausgeschlossen zu halten (a. a. 0. 105, 108). 
Gerade in diesen beständigen Schwankungen erblickt er den 
Grund für das Fehlen der musikalischen Qualität. „Phänomenal 
gesprochen, ist eben mit dem ,festen Ton‘ die Tonhöhe [musi- 
gnügen bereitet. Wie jeder seine Weise durchführt, jede klar und 
deutlich unterscheidbar, mit verschiedenen Wende- und Höhepunkten, 
mit voller Unabhängigkeit der Stimmen — eine Art linearer Kontra¬ 
punkt —, wie Klage, Wut, Resignation darin ausgedrückt scheinen, 
das kann fesseln und interessieren, freilich nicht auf längere Zeit. Das 
Konzert ist denn auch immer nach wenigen Minuten zu Ende.
        

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