Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Versuche über den dichotischen Zusammenhang wenig verschiedener Töne
Person:
Baley, Stefan
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38505/3/
[70, 323] Vers. üb. d. dichoiischen Zusammenklang wenig versch. Töne. 59 
anderen Resultaten kommt. Melati experimentierte ebenso 
wie Stumpe mit Stimmgabeln. Diese befanden sich bei seiner 
Versuchsanordnung in zwei getrennten Räumen und wurden 
elektrisch zum Schwingen gebracht; ihre Töne wurden dann 
durch Schläuche den Ohren zugeführt. Durch diese Einrich¬ 
tung wollte er die Überleitung der Töne von einem Ohre zum 
anderen durch die Luft oder durch die „äufsere Knochen¬ 
leitung“ ausschliefsen (S. 448). Die Töne, mit denen operiert 
wurde, waren im allgemeinen sehr leise. 
Das Ergebnis der Beobachtungen über die gegenseitige 
qualitative Beeinflussung dichotisch wahrgenommener Töne 
formuliert Melati folgendermafsen : „Das wichtigste und 
charakteristischste Merkmal des Gesamteindrucks liegt darin, 
dafs die Töne beim binauralen Hören auch bei sehr geringen 
Intervallen, selbst wenn sie beinahe unisono erklingen, getrennt 
erscheinen, wie im monotischen Hören.“ 1 Und weiter sagt er: 
„Die Beobachter nahmen die mit einem einzigen Ohre gehörten 
Intervalle wie eine wirkliche Einheit wahr, und es war eine 
Arbeit von willkürlicher Analyse nötig, um den einen Ton 
von dem anderen zu unterscheiden ; binaural dagegen erschienen 
die Töne für sich selbst, d. h. einer unabhängig vom anderen, 
und die Schwebungen erscheinen gewissermafsen aufserhalb 
der Töne selbst, lokalisiert an verschiedenen Orten.“ 2 
Die Behauptung Melatis geht also, soweit ich sie ver¬ 
stehe, dahin, dafs es eigentlich keine dichotische Schwelle 
gibt, oder dafs sie äufserst gering ist, kleiner als die monotische ; 
so mufs es ja sein, wenn wirklich, wie Melati behauptet, 
zwei „beinahe unisono“ erklingende Töne dichotisch getrennt 
1 a. a. 0. S. 449. Der Sinn dieser, mir nicht ganz klar erscheinen¬ 
den Behauptung wird wohl der folgende sein : die Töne erscheinen beim 
dichotischen Hören so getrennt, wie sie monotisch beim sukzessiven 
Hören erscheinen. 
2 S. 454. Melati berichtet daselbst weiter, dafs, um „eine deutliche 
Vorstellung der zwei Töne“ bei kleinen Höhendifferenzen zu erhalten, 
die Aufmerksamkeit nicht auf diese Töne selbst, sondern auf die 
Schwebungen gerichtet werden mufste, und dafs, wenn man ausschliefs- 
lich auf die Töne selbst achtete, diese nicht gleichzeitig wahrnehmbar 
waren, sondern beständig alternierten. Es ist sehr schwer, aus diesen 
Beschreibungen ein klares Bild der Beobachtungen zu erhalten.
        

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