Bauhaus-Universität Weimar

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[VI. Kong'r. 343] Über neuere Untersuchungen %ur Tonlehre. 
schein Sinne einstellen. Dann ist aber noch die Frage, ob diese 
Töne auch schon Qualitätsunterschiede oder ob sie vorerst nur Höhen- 
(Helligkeits-) Unterschiede oder gar auf einer noch früheren Stufe 
nur Quantitätsunterschiede besitzen. Auch beim Menschen gibt es 
ja — wie wir vermuteten — in dieser Beziehung Atavismen, Indivi¬ 
duen, denen die Qualitätsunterschiede fast ganz abgehen. 
Bei Hunden hat bekanntlich Kali sch er durch Dressur auf be¬ 
stimmte Freßtöne eine unerwartet feine Differenzierung der Töne 
erzielt, und Pfungst hat nach prinzipiell gleichem Verfahren1) mit 
sorgfältigster Ausführung der Versuche sogar eine Schwelle bis zu 
sieben oder acht Schwingungen herab gefunden, jenseits deren nicht 
mehr auf den Freßton reagiert wurde. Da keine Oktavenverwechs¬ 
lungen Vorkommen, dürften die Höhen als solche (sei es bewußt 
oder nur physiologisch) ausschlaggebend sein. Es wäre möglich, daß 
die Empfindlichkeit für Helligkeitsabstufungen sich gerade da, wo 
Qualitätsunterschiede noch fehlen, feiner entwickelt hätte, und daß 
sie bei uns zugunsten der qualitativen Unterscheidung zurück¬ 
gegangen wäre. 
Vieles spricht dafür, daß diese Wandlungen in den Erschei¬ 
nungen physiologisch zugleich mit einem Wandern des Sitzes der 
Empfindung verbunden sind; unter dem Sitze der Empfindung den¬ 
jenigen Teil des Nervensystems verstanden, der auf irgend eine Weise 
unmittelbar mit der Empfindung verknüpft ist. Es blickt in den 
Abhandlungen der Jüngeren überall die Idee hindurch, daß die 
Qualitäten der Tonempfindung erst zentral hinzukommen, während in 
der Schnecke zunächst nur die Höhen vorgebildet seien2). Solche 
Vorstellungen scheinen mir sehr wohl in Betracht zu kommen. 
Noch später als die Qualitätsunterschiede sind dann jene mehr 
oder wenigen festen Einteilungen in der an sich stetigen Qualitäts¬ 
linie entstanden, die uns als Intervalle in der Geschichte der Musik 
q Ich sage „prinzipiell“, weil ich mit Pfungst das Verfahren Kalischers 
im einzelnen nicht für genügend einwandfrei halte. Wenn er z. B. selbst die Unter¬ 
scheidung von Dur- und Molldreiklängen unabhängig von der absoluten Tonhöhe 
Hunden andressiert haben will (Arch. f. Anat. u. Physiol., Phys. Abt., 1909, 8. 311), 
so erweckt dies doch starke Bedenken. 
2) Nach Köhler (V. Kongreß, Bericht S. 153) wäre es scheinbar umgekehrt: 
er verlegt gerade die Höhen ins Zentrum. Aber er versteht eben in diesem 
Vortrag unter Tonhöhen offenbar unsere Qualitäten (die er nur seltsamerweise 
über eine Oktave hinausreichen läßt), während er unter Tonfarbe Vokalität und 
Helligkeit zusammenfaßt. In der Sache ist also seine Meinung doch die näm¬ 
liche, wie die oben ausgedrückte.
        

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