Bauhaus-Universität Weimar

G. Stumpf. 
26 
[VI. Kongr. 314] 
Scheidung für unseren Fall zu treffen. Erst dadurch kann die 
Frage definitiv erledigt werden. 
Wenn Révész gegen meine Herleitung aus den Verschmelzungs¬ 
erfahrungen die Tatsache ins Treffen führt, daß die Oktaventöne 
schon zu einer Zeit, als es noch keine harmonische Musik gab, mit 
dem gleichen Buchstaben oder Wort bezeichnet wurden, so würde 
ich erwidern, daß zwar nicht harmonische Musik, aber Oktaven¬ 
parallelen zweifellos seit uralter Zeit, wenn Männer und Weiber zu¬ 
sammen sangen, gebraucht wurden und bei Naturvölkern heute noch 
gebraucht werden. Und dies würde hinreichen, um meine Hypothese 
zu stützen. Bemerkenswert bleibt es auch immer, daß die identische 
Buchstabenbezeichnung für die Oktaventöne in Europa sich so spät 
durchsetzte, und daß die systematische und definitive Einführung 
dieser identischen Bezeichnungen hier mit den ersten Versuchen 
eines systematischen Gebrauches simultaner Tonverbindungen zeit¬ 
lich ungefähr zusammenfällt (10. Jahrhundert)1). 
Obgleich also Révész’ Beweisführung hier eine Lücke hat, 
bin ich doch aus allgemeineren Gründen -— eben wegen der Un¬ 
durchführbarkeit der psychologischen Konstruktion — selbst seit 
längerer Zeit der Meinung, daß die empiristische Deutungsweise sich 
nicht halten läßt, daß wir es also bei dem, was allen (£s, ebenso 
allen $)s usw. unter sich gemeinsam ist, mit einer primären Eigen¬ 
schaft der Tonempfindungen neben der Höhe zu tun haben2). 
Erwünscht sind in dieser Hinsicht auch noch zuverlässige Beobachtungen an 
musikbegabten Kindern. Pilar Osorio, die Stiefschwester des von Eichet und 
mir untersuchten Pepito Arriola (von derselben Mutter), kannte als l1/2jähriges 
Kind kein größeres Vergnügen, als auf dem Klavier Oktaven herauszusuchen. Als 
ich davon hörte, schien es mir unglaublich, doch fand ich es durch eigene Wahr¬ 
nehmung bestätigt. Einem solchen Falle gegenüber sind empiristische Erklärungen 
unwahrscheinlich genug. Auch der Hinweis auf die durch die gemeinsamen Ober¬ 
töne gegebene Ähnlichkeit dürfte nicht ausreichen. Bezweifeln könnte man aller¬ 
dings, ob überhaupt eine Ähnlichkeits- oder Identitätswahrnehmung der Grund 
des Vergnügens war; es ließe sich denken, daß an solche Sukzessionen bei 
musikalischen Kindern eine primäre, psychisch überhaupt nicht begründete An¬ 
nehmlichkeit (angenehme Gefühlsempfindung) geknüpft wäre. Aber angesichts 
der unzweifelhaften Freude der Kinder am Wiedererkennen ist die obige Deutung- 
weit wahrscheinlicher. 
Auch schon aus dem öfters beobachteten Nachsingen vorgegebener Töne 
ü Vgl. Job. Wolf, Handbuch der Notationskunde I (1913), 37ff. 
2) Es empfiehlt sich, für die Bezeichnung der Qualitäten als solcher, wenn 
von der Oktavenlage abgesehen werden soll, die deutschen Buchstaben zu gebrau¬ 
chen, wie dies auch Kévész auf meinen Vorschlag (vgl. auch schon Tonpsych. II, 
388) getan hat.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.