Bauhaus-Universität Weimar

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Alfred Guttmann. 
[LXIII. 174J 
etwa == 1 °l0.1 Da nun Reinsingen nach Stumpfs Definition 
nicht etwa nur ein Mafs für die Gehörsempfindlichkeit, 
sondern auch zugleich für die Muskelfertigkeit ist, so müssen 
Sokolowskis Sänger beides in erstaunlichem Mafse besessen 
haben, um so feine Resultate zu erzielen. Eine meiner Versuchs¬ 
personen, ein aufserordentlich musikalischer, auch als Komponist 
tätiger Berufssänger, traf den gegebenen Ton manchmal mit 
0 % Fehler, manchmal aber auch um 1 % abweichend. Offenbar 
liegen diese kleinen Unterschiede im Resultat innerhalb der 
Fehlergrenzen der Versuchsanordnung oder sind nur durch sehr 
lange Versuchsreihen auszuschliefsen, in denen man genauer 
prüft, ob die Versuchsperson etwa nur auf bestimmter Tonhöhe, 
bei bestimmter Mundstellung (Vokalform) oder dauernd und 
zwar im selben Sinne, d. h. entweder zu hoch oder zu tief, 
detoniert. Man könnte ein wenden, dafs die Unterschiedsempfind¬ 
lichkeit für aufeinanderfolgende Töne gröfser sei als für gleich¬ 
zeitige. In der Tat konnte z. B. Appunn, der berühmte Orgelbauer 
und Akustiker, nach Pbeyeb (vgl. Stumpf, Tonpsychologie I, 297) 
bei 1000 Schwingungen 0,05 % Differenz erkennen. Aber 
Sokolowskis Versuchspersonen machten ja kaum einen Unter¬ 
schied, ob sie zugleich mit dem gegebenen Ton das Intervall 
sangen oder es nach einer Pause zu dem gegebenen Ton 
intonierten! Seine beste Versuchsperson, die nur 0,1 °/0 beim 
Unisono abwich, sang sogar einmal, wenn sie 30 Sekunden 
nach Verklingen des Tones intonierte, nur 0,07 % zu tief. 
Dafs solch gute Sänger nun aber trotzdem bei der Quint Fehler 
machen, die sogar bis zu 5,5% gehen, führt Sokolowski auf die 
Gewöhnung der Sänger an die temperierte Quint des Klaviers, 
die gewissermafsen das Gehör verderbe, zurück. Indessen ist 
der Unterschied zwischen reiner Quint (2:3) und temperierter 
Quint (2,89 : 4,33) nur minimal = 2 Cents = %0 Halbton in 
dieser Gegend, eine Differenz, die auch bei feiner Unterschieds¬ 
empfindlichkeit sukzessiv kaum merklich ist. Hingegen beträgt 
der Unterschied zwischen der hier in Betracht kommenden 
reinen Terz 400 : 500 und der temperierten Terz volle 14 Cents = 
3 Schwingungen pro Sekunde in dieser Lage. Das ist aber eine 
1 Karl L. Schaefer u. A. Guttmann, Über die Unterschiedsempfind- 
liclikeit für gleichzeitige Töne. Diese Beiträge 4 (1909).
        

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