Bauhaus-Universität Weimar

[LXIII. 173] 
Zur Psychophysik des Gesanges. 
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reines spektrales Gelb nicht von einem Gelb unterscheiden 
kann, das durch eine Mischung von spektralen Rot und Grün 
hervorgerufen ist. 
Zum Schlufs möchte ich noch an einem Beispiel die 
Wichtigkeit musikpsychologischer und musikgeschichtlicher 
Kenntnisse für die Deutung stimmphysiologischer Befunde er¬ 
läutern. Die Genauigkeit, mit der ein Sänger einen ihm vor¬ 
gespielten Ton trifft, ist in älteren Versuchen von Klündee 
und Hensen als relativ grofs erwiesen. Der Fehler erreicht 
noch nicht 1/2 °/0, der mittlere Fehler (von Klündee aus zahl¬ 
reichen Versuchen berechnet, die sich zwischen den Tonhöhen 
G = 96 Schwingungen und g* = 256 Schwingungen bewegen) 
beträgt + 0,357 0/0.1 Mit verbesserter Methodik hat das neuer¬ 
dings Sokolowski2 bestätigt. Er prüfte aber auch, wie genau 
Intervalle, simultan sowie sukzessiv, gesungen werden und 
fand, dafs z. B. die grofse Terz in der eingestrichenen Ok¬ 
tave mit 1,5 °/0 Fehler, die Quint mit 3,28 °/0 Fehler gesungen 
wird. Ich selber bin seit einem Jahr mit ähnlichen und weiter¬ 
gehenden Versuchen beschäftigt, über die ich später in einer 
physiologischen Zeitschrift berichten werde. Meine Resultate, 
die mit der MAETENSschen Versuchsanordnung gefunden sind, 
stimmen, was die Genauigkeit im Treffen eines Tones an¬ 
geht, mit Klündee, Hensen und Sokolowski ziemlich über¬ 
ein. Nur habe ich nicht ganz so gute Resultate beim Uni¬ 
sono gefunden wie Sokolowski. Bei dessen Versuchspersonen 
beträgt der gröfste Fehler 0,8 °/0, der geringste 0,17 °/0. Diese 
Resultate sind fast zu gut. Die Unterschiedsempfindlichkeit für 
gleichzeitige Töne ist nämlich bei feinhörigen und in diesbezüg¬ 
lichen Untersuchungen geübten Personen (Stumpf, Hoenbostel, 
Schaefee, Verfasser) in der Tonhöhe der eingestrichenen Oktave 
1 Klünder, Ein Versuch, die Fehler zu bestimmen, welche der 
Kehlkopf beim Halten eines Tones macht. Inaug.-Dissert. Marburg 1872. 
Vgl. ferner Klünder sowie Hensen, Arch. f. Physiol. 1879. 
2 Sokolowski, Über die Genauigkeit des Nachsingens von Tönen 
bei Berufssängern. Beitr. z. Anat. usw. Hrsg, von Passow u. Schaefer. 
Bd. V, Heft 3. 1911. 
Stumpf, Beiträge. VII. 
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