Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Konsonanz und Konkordanz. Nebst Bemerkungen über Wohlklang und Wohlgefälligkeit musikalischer Zusammenklänge
Person:
Stumpf, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38499/16/
[LVIII. 336] 
Konsonanz und Konkordanz. 
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ruht (vom Halbton, sagt Zarlino, kommt alles Gute in der 
Musik). Kleinere Schritte mögen in der Praxis oft genug Vor¬ 
kommen, beabsichtigt und unbeabsichtigt, sie sind aber im System 
als solchem nicht enthalten. Wenn enharmonische Rückungen 
* erforderlich werden, so geschieht es gerade, um die Reinheit 
des diatonischen Systems zu wahren. Das sind nicht Ton¬ 
schritte innerhalb einer Leiter, sondern von der einen zur 
anderen. Wollten wir nun die natürliche Septime 4 : 7 (und da¬ 
mit auch die Intervalle 5:7, 6:7, 7:8) einfügen, so würde sie 
ganz dicht neben einem Ton zu liegen kommen, der bereits auf 
Grund stärkerer Konsonanz eingeführt ist. Wir würden sie 
nicht als selbständigen Ton, sondern als erniedrigte Leiterseptime 
5 : 9 oder (je nach dem Zusammenhang) 9 : 16, d. h. als kleine 
Terz der Dominant oder als Quarte der Subdominant verstehen, 
und wir würden auch den Tonschritt von ihr zur wirklichen 
Leiterseptime nicht als einen selbständigen Tonschritt neben den 
Ganz- und Halbtonschritten, sondern nur als eine veränderte 
Intonation einer Leiterseptime auffassen. Dafs in vereinzelten 
Fällen die Septime tatsächlich im Sinne von 4:7, d. h. als 
Halbkonsonanz, intoniert und sogar auch als solche verstanden 
werden mag, wollen wir nicht leugnen. Aber die Siebener als 
Bauelemente unseres Musiksystems anzusehen, wie es einige 
Psychologen, ohne von der langen Geschichte dieser Angelegen¬ 
heit zu wissen, neuerdings versucht haben, kann ich nur für eine 
grofse Verirrung halten. 
Wenn wir von c ausgehen, so ist das b, das in der harmonischen oder 
absteigend melodischen C-moll-Leiter vorkommt, durch 5:9 gegeben, da es 
die Terz des Molldreiklanges auf der Dominant g ist. Wenn wir aber von 
der C-Tonart durch ein b nach der F-Tonart modulieren, so dafs also c 
selbst als Dominant zu f verstanden wird, dann mufs b in seiner Abstim¬ 
mung bereits auf f bezogen, also von c aus durch zwei Quartenschritte be¬ 
rechnet werden, was 9: 16 ergibt. Den Unterschied der „natürlichen“ Sep¬ 
time von der des Dominantseptimenakkords macht man sich am besten 
deutlich, indem man den Grundton dieses Akkords, in C-dur also g — 36 
(c selbst = 24) setzt. Dann wird das „natürliche“ fl = 63, das des Sep¬ 
timenakkords = 64. Denkt man sich diese Zahlen mit 10 multipliziert und 
als Schwingungszahlen, so liegen die Töne in der mittleren Tonregion, und 
ihre Differenz, 10 Schwingungen, ist merklich genug. Aber der Halbton¬ 
schritt von 640 nach unten beträgt 40 Schwingungen. Daher würde das 
„natürliche“ f, wenn die ihm eigentümliche tiefere Intonation auch bemerkt 
werden sollte, doch im allgemeinen als ein leitereigenes, als eine diatonische 
Septime aufgefafst werden. Wir hören oft viel stärker verstimmte Töne, 
die wir doch richtig auf die gemeinten Leitertöne beziehen. 
9*
        

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