Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Bedeutung ethnologischer Untersuchungen für die Psychologie und Ästhetik der Tonkunst
Person:
Stumpf, C. E. v. Hornbostel
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38498/3/
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C. Stumpf und E. v. Hornbostel. |4V. Kongr.-Ber. 258] 
schon in der Vorrede der „Tonpsychologie“ und öfters später auf 
die Wichtigkeit ethnologischer Studien hingewiesen. Aber die sehr 
zahlreichen Notierungen exotischer Weisen in den früheren Reise¬ 
werken, die in die Geschichtswerke über Musik unkritisch über¬ 
nommen wurden, bieten fast niemals eine Gewähr für die Ge^ 
nauigkeit der Wiedergabe, da das europäische Ohr seine ge¬ 
wohnten Intervalle und Rhythmen hineinhört und keine psycho¬ 
logische Schulung die Reisenden in dieser Hinsicht zur Selbst¬ 
kritik und zur Untersuchung einzelner Intonationen oder Rhyth¬ 
misierungen veranlafste. 
Durch den Phonographen ist uns nun die Möglichkeit ge¬ 
geben, ganz exakte, von jeder subjektiven Auffassung unabhängige 
Bilder der exotischen Musik zu gewinnen. Darum sind aus¬ 
gedehnte Sammlungen phonographischer Aufnahmen eine Not¬ 
wendigkeit. Und diese Notwendigkeit ist um so dringlicher, als 
durch die Einführung europäischer Kultur einerseits, durch das 
Aussterben vieler Naturvölker andererseits die Gelegenheit zu 
solcher Sammlung nicht mehr lange gegeben sein wird. 
Bereits 1899 hat denn auch die Wiener Akademie der Wissen¬ 
schaften auf Sigmund Exners Anregung ein Phonogrammarehiv 
begründet, in welchem nicht nur Musik, sondern auch Sprachen 
und Dialekte berücksichtigt werden ; und die Sammlung ist durch 
regelmäfsige Unterstützungen der Akademie und der Regierung 
bereits zu grofsem Umfange gediehen. Die ersten Anfänge unserer 
Berliner Sammlung datieren vom Herbst 1900, von den Aufnahmen 
siamesischer Musik, die ich in Verbindung mit Dr. Abraham 
gemacht habe (diese Beiträge III). Aber erst 1904 wurden wir 
durch verschiedene pekuniäre Zuwendungen in den Stand gesetzt, 
die eigentliche Sammeltätigkeit zu beginnen. Gegenwärtig umfafst 
das Archiv doch schon etwa 3000 Aufnahmen aus allen Gegenden 
der Welt. Dieser Erfolg ist aufser dem lebhaften Interesse der 
Forschungsreisenden, die mit Apparaten und detaillierten An¬ 
weisungen von uns versehen werden, dem Umstande zu verdanken, 
dafs es mir glückte, in Dr. Abraham und Dr. v. Hornbostel, denen 
sich neuerdings noch Dr. Fischer und Dr. Wertheimer zugesellt 
haben, ausgezeichnete Mitarbeiter zu finden, v. Hornbostel, der 
unermüdliche Mehrer unserer Sammlung, hat sich die ethnologisch¬ 
musikalischen Studien zur Lebensaufgabe gesetzt. Er hat kürz¬ 
lich in der Zeitschr. f. angewandte Psychologie (s. den Abdruck in 
diesen Beiträgen V, 143 ff.) auch bereits eine Übersieht der An-
        

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