Bauhaus-Universität Weimar

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G. Stumpf. 
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waren aber nicht sehr stark, so dafs ich sie zuerst überhörte. 
Beim Sprechen war nichts Besonderes zu bemerken. Beim 
Sprechen Anderer dagegen entstand ein höchst auffälliges äffen¬ 
des Mitklingen im linken Ohr. Jeder Vocal wurde dort noch 
besonders gehört, in anderer Färbung, dünner. Anfänglich 
schien auch die Tonhöhe tiefer ; bei genauerer Beobachtung (die 
Tonhöhe des Sprechens läfst sich ja schon wegen der Schnellig¬ 
keit und Inconstanz der Töne schwer erkennen) schien mir der 
Ton der gleiche wie rechts, nur heller; am auffallendsten bei 
Frauen und Kindern. Aehnliche Erscheinungen werden von 
Patienten oft berichtet und als „Echo“ bezeichnet. Es war in 
der That wie eine ferne Stimme, die doch zugleich als unmittel¬ 
bar nah empfunden wurde; dem Charakter nach fern (d. h. von 
solcher Klangfarbe und Stärke, wie wir sie sonst auf ferne 
Stimmen beziehen), der Oertlichkeit nach nah. Man könnte es 
auch mit einer durchs Telephon gehörten Stimme vergleichen. 
Am folgenden Tage waren die Erscheinungen noch unver¬ 
ändert. Gegen Abend kam das obenbeschriebene intermittirende 
Geräusch. Am dritten Tag war die Verstimmung nur stellen¬ 
weise noch merklich, besonders zwischen f~ und c3, aber auch 
da mehr als etwas vertiefter Nachhall im linken Ohr. Das 
stärker gewordene Geräusch war der Beobachtung hinderlich. 
Die Differenz betrug nur etwa Vi Ton. Das kranke Ohr war 
nun auch stark schwerhörig geworden, die Taschenuhr nur dicht 
vor dem Ohr wahrnehmbar, während ich sie sonst leicht auf 
einen Meter Entfernung höre. Das Trommelfell sehr geröthet, 
fast schwarz; eine Hyperämie, die sich jedenfalls auch ins Laby¬ 
rinth erstreckte. 
Als die Ohren einige Jahre später wieder untersucht wurden, 
fand sich Alles normal, auch die Hörschärfe. — 
Einen Fall des Doppelthörens hat auch der vorzüglich 
musikalische Dr. R. Biedermann (vgl. Zeitschr. f. Psychol. XVIII, S.91 f.) 
an sich selbst erlebt und auf meinen Wunsch näher untersucht. 
Es war etwra ein Vierteljahr nach einer Periode hoher Nervosität, 
als er sich wieder ganz gesund fühlte, nichts momentan Auf¬ 
regendes erlebt und auch keinen katarrhalischen Zustand hatte. 
Die nächste Ursache könnte in Violinübungen gelegen haben, 
wobei er viel in höheren Lagen spielte. Dabei werden die Töne 
sehr nah am linken Ohr erzeugt, in welchem denn auch die 
.Verstimmung eintrat. Diese betrug beim a- eine volle Q,uarte
        

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