Bauhaus-Universität Weimar

[XVI. 17] Zur Theorie d. Differenztöne u. d. Gehörsempfind, überhaupt. 41 
logischer Vorgang denn da nun eigentlich periodisch sein soll, 
scheint mir in der Theorie der Tonempfindungen bisher gar zu 
arg gesündigt worden zu sein. 
Beim Intervall 5:8 hört man die Differenztöne 3, 2 und 1. 
Wie diese aus Ebbinghaus’ Theorie folgen sollen, verstehe ich 
nicht. Es werden ja in diesem Falle wohl mehrere Stellen der 
Basilarmembran da sein, die auf gemeinsame Untertöne abge¬ 
stimmt sind, also wird auch an mehreren Stellen die Membran 
die zusammengesetzte Schwingung machen. Es wäre daher 
möglich, dass an einigen Stellen der Ton 1, an andern 2, an 
andern 3 erzeugt würde. Aber weshalb hier 3, da 2, da 1 ? Für 
eine Beantwortung dieser Frage finde ich bei Ebbinghaus keine An¬ 
haltspunkte. Wie ich gezeigt habe, kann die Intensität der Nerven- 
reizung bei Ebbinghaus’ Theorie nur davon abhängig gesetzt werden, 
wie gross der Ordinatenunterschied eines jeden Kurvenmaximums 
und nächst vorhergehenden Minimums ist. Bei der Kurve Fig. 2 
meiner früheren Abhandlung sind diese Unterschiede unter 
Annahme einer willkürlichen Einheit folgende : 72, 21, 44, 64, 
14, 64, 44, 21. Die drei stärksten Reizungen sind 72, 64, 64; 
dazwischen liegen schwächere. Hält man nun die Verschieden¬ 
heit von 72 und 64 im vorliegenden Falle für verschwindend 
klein, so müsste und könnte einzig und allein der Differenzton 
3 entstehen; hält man sie nicht für so geringfügig, so ist zu 
berücksichtigen, dass die Reizungen einmal in der Periode bei 
72 ein Stärkemaximum erreichen, und dann könnte einzig und 
allein der Differenzton 1 entstehen. Dieser ist auch am ehesten 
zu erwarten, wenn man der Theorie konsequent folgt, da auf 
diesen als den tiefsten und ihrem Grundtone am nächsten 
liegenden die in Betracht kommenden Nerven relativ am besten, 
(d. h. mehr als auf 2 und 3) eingeübt sind. Wie es aber kommt, 
dass 1, 2 und 3 gleichzeitig gehört werden, dürfte aus Ebbing¬ 
hags’ Theorie schwer zu erklären sein. Giebt es danervös e'Organe, 
denen die Eigenschaft zukommt, wenn sie auf so eigenthümliche 
Weise gereizt werden, wie es eine zusammengesetzte Schwingungs¬ 
kurve sichtbar macht, dann gleichzeitig eine Mehrheit von ner¬ 
vösen Prozessen entstehen zu lassen, von denen der eine die 
Schwebungen, die andern die verschiedenen Differenztöne zur 
Empfindung bringen ? Dann finde ich es einfacher, zu der Ansicht 
Wundt’s zurückzukehren, dass der Akustikusstamm dies alles — 
auf unbekannte Weise freilich — besorge.
        

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