Bauhaus-Universität Weimar

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C. Stumpf. 
sonante Zusammenstellungen nicht übertrifft. Diese Unterord¬ 
nung des Molldreiklangs, der doch eine so grosse Rolle spielt, 
sollte nun beseitigt und in völlige Koordination verwandelt werden. 
Ja nach Oettixgen kehrt sich die Rangordnung beinahe um, da 
der phonische Oberton in den meisten Fällen reell existirt, der 
tonische Grundton dagegen nur „virtuell“ (S. 46). 
So ist es vielleicht auch richtig beobachtet, dass in unserer 
Musik absteigende Wendungen besonders dem Moll gut anstehen, 
aufsteigende mehr dem Dur ; wenn auch natürlich entgegen¬ 
gesetzte Beispiele tausendfältig sich darbieten und eine ver¬ 
gleichende Statistik darüber nicht vorliegt, auch schwer zu liefern 
wäre. Aber nehmen wir die Thatsache als gegeben, so wäre 
doch die Frage, ob wir es nicht vielmehr mit einer Folge des 
bereits entwickelten Gefühls Charakters beider Tongeschlechter zu 
thun haben, während der Dualismus umgekehrt den Gefühls¬ 
charakter als Folge aus der auf- und absteigenden Natur der 
Tongeschlechter herleitet. Immerhin begreift man, wieso manche 
Züge der wirklichen Musik die dualistische Lehre glaubwürdig 
machen konnten. Wenn man genauer zusieht, ist freilich der 
Zusammenhang zwischen dem „Trauerweidencharakter“ des Moll 
und seiner Entstehung nach dualistischen Grundsätzen doch auch 
nur locker. Man könnte auch den umgekehrten Erfolg erwarten : 
wenn die Phonika, der erzeugende Ton, oben liegt, so muss, 
könnte man sagen, der Mollklang und die Mollmelodie eine 
Tendenz nach oben haben. 
Es ist ferner eine wichtige und von den genannten Forschern 
mit Recht betonte Thatsache, die aber im Grunde weder mit der 
Klangvertretung noch mit dem Dualismus etwas zu thun hat, 
dass der gegenwärtige Musiker (vom gewöhnlichen Musikmenschen 
möchte ich es nicht so unbedingt behaupten) in Dreiklängen 
denkt, dass er jeden Ton und so auch jeden Zweiklang als 
Theil eines Dreiklangs (oder einer noch reicheren Tonkombina¬ 
tion) auf fasst.1 Eine kleine Terz für sich allein ist in der That 
harmonisch mehrdeutig ; sie kann z. B. der obere Theil eines Dur-, 
oder der untere Theil eines Molldreiklanges sein, und je nach 
der Auffassung wechselt sie vollständig ihren Gefühlscharakter. 
Diese Thatsache ist es, welche die Dualisten zu der Behauptung 
3 Hauptmann, Natur der Harmonik und Metrik, S. 23: „Jeder Ton 
eines musikalischen Satzes ist Oktave, Quinte oder Terz.“
        

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