Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der alten und mittelalterlichen Musik
Person:
Westphal, Rudolf
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38453/122/
112 Zweites Kapitel. Archaische Monodik und Instrumentalmusik. 
nicht mit einer Melodie, sondern mit einer Begleitung zu thun 
haben, zeigt sich in allem aufs klarste und entschiedenste, vor 
Allem in der Achtelpause, womit in jeder der vier Reihen jeder dritte 
Tact beginnt. Diese Pause steht als schwerer Tacttheil und ist in der 
antiken Neben Überlieferung sogar mit dem rhythmischen Ictuszeichen 
versehen. Für eine Melodie würde eine solche Erscheinung etwas 
völlig unerhörtes sein, denn immer wird unser Gefühl an Stelle der 
Pause einen den Ictus tragenden Ton vermissen, dagegen als eine von 
der Begleitung ausgeführte Figur ist ein jeder der vier genannten Tacte 
völlig in seinem Rechte: der in der Begleitung durch eine Pause aus¬ 
gedrückte schwere Tacttheil wird durch die Melodie mit einem Tone 
ausgefüllt. Aber auch selbst dann, wenn an den genannten Stellen 
kein Pausenzeichen, sondern ein Ton vorhanden wäre, würde die von 
den uns erhaltenen griechischen Melodien völlig abweichende Art der 
Ton Verbindung in den vier Reihen keinen Zweifel lassen, dass uns 
nicht wie im Liede auf Helios u. s. w. eine antike Melodie ohne Be¬ 
gleitung, sondern umgekehrt eine Begleitung ohne die dazu gehörige 
Melodie vorliegt. Wie es kommt, dass unsere Quelle, der Anonymus, 
die Probe eines Accompagnements mittheilt, lässt sich unschwer sagen. 
Die in ihr enthaltenen Musikbeispiele sind nur Reste einer ursprünglich 
vollständigen Sammlung, die nicht etwa zu dem Zwecke aufgestellt 
war, um gleichsam als Urkundenbuch antiker Composition zu dienen, 
sondern vielmehr ein Notenbuch für Anfänger sein sollte, eine prak¬ 
tische Uebungsschule für den ersten Unterricht. Woher der Verfasser 
seine Beispiele entlehnt, ist natürlich nicht zu bestimmen, wahrschein¬ 
lich aber wird er es nicht anders gemacht haben als es bei uns in 
dergleichen „ Cla vierschulen “ u. s. w. zu geschehen pflegt , dass nach 
den Tonleitern kurze und beliebte Volks- und Opernmelodien folgen, 
um dann zu längeren Stücken fortzuschreiten. Uns sind nun eben 
bloss die ersten Blätter jenes antiken Notenbuches erhalten, in welchem 
die einleitenden Bemerkungen, die Tonleiter und kurze Melodien stehen, 
aber selbst dieser Anfang liegt in trümmerhafter Gestalt vor uns. Den 
Melodien Avar die begleitende Stimme hinzugefügt, und der Zufall hat 
es gewollt, dass uns von dem einem Stücke die Melodie, vom einem 
anderen die Begleitung erhalten ist, von keinem aber Melodie und Be¬ 
gleitung zugleich. 
Trotzdem aber, dass die Melodie nicht auf uns gekommen ist, ist 
die Begleitung lehrreich genug. Worauf gründen sich die vielfach aus¬ 
gesprochenen Zweifel, ob die Musik der Griechen eine „Harmonie“,
        

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