Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das natürliche Lautsystem der menschlichen Sprache
Person:
Thausing, Moritz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38326/31/
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Physiologie der Laute. 
b) Harte und weiche Coiisonnnteii. 
Auch hier wollen wir durch Verfolgung der langwierigen phy¬ 
siologischen Controverse keinen unfruchtbaren Umweg machen. 
Genug, Brücke hat nach Kempelcn’s Vorgänge siegreich die Meinung 
verfochten, dass die Stellung der Mundtheile bei den weichen Lau¬ 
ten ganz eben so sei, wie bei den entsprechenden harten, und dass 
sich z. B. w und f, b und p nicht durch die Articulationsweise, son¬ 
dern bloss durch das Mittönen und nicht Mittönen der Stimme un¬ 
terscheiden. Demgemäss entscheidet er sich auch für Annahme der 
Bezeichnungen : tönend und tonlos, statt der hergebrachten : weich 
und hart; und schon hat diese Neuerung bei den Grammatikern 
Eingang gefunden. Waren etwa die altüberlieferten Ausdrücke we¬ 
niger bezeichnend und leisten die bei uns neu eingeführten bessere 
Dienste? Es scheint mir unzweckmässig, von dem Namen einer 
Sache zu verlangen, er solle eine völlige Definition derselben ent¬ 
halten. Auf diese Weise kämen wir folgerichtig dahin, bei jedem 
Fortschritte einer Wissenschaft für eine Menge geklärter Begriffe 
neue sprachliche Bezeichnungen an die Stelle von eingebürgerten zu 
setzen. Behüten wir unsere Sprache vor solchen Consequenzen I 
Eine derartige Missachtung der sprachlichen Ueberlieferung macht 
zwar einiges Aufsehen, aber in ihren Erfindungen haben wir 
noch selten einen guten Tausch gemacht. Was der Verstand der 
Verständigen erst spät einsieht, hat oft schon das Volk in vorahnen¬ 
dem Gefühle der Wahrheit seinem Sprachgebrauche einverleibt. 
Auch hier frägt es sich noch, ob die Anschauung, auf der die 
neuen Bezeichnungen : tönend und tonlos beruhen, wirklich so evi¬ 
dent sei. Und wenn sie es wäre und somit festslünde, dass das 
Tönen der Stimme den weichen, die Tonlosigkeit den harten Lauten 
eigenthümlich sei, so bleibt immer noch die Frage, ob diese Um¬ 
stände die Hauptsache dabei sind und nicht vielmehr secundäre Be¬ 
deutung haben; es bleibt die Frage, ob hier nicht sowie beiden 
Vocalen ein Hysteron proteron bei der Schlussfolgerung unterlau¬ 
fen ist. 
Ich erinnere nochmals daran, dass wir den Stimmton füglich 
nur als leidenden Träger der Laute betrachten können und dass 
diese ihren Charakter hauptsächlich durch das Verhalten ihres Ar- 
ticulationsgebietes erhalten. Wenn diess schon bei den Vocalen der 
Fall ist, sollten je zwei Reibe- und Verschlusslaute davon eine Aus-
        

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