Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das natürliche Lautsystem der menschlichen Sprache
Person:
Thausing, Moritz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38326/117/
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Das angewandte Alphabet. 
Es sind diess, wie wir sehen, die Vocales und Liquidae der Al¬ 
ten. Letztere stehen auf den beiden untersten Rangstufen sonanti- 
scher Fähigkeit, und sind auch in den Buchstabennamen unseres 
überlieferten Alphabets von den regelmässigen Mitlautern unter¬ 
schieden. Diese werden durch Anfügung eines Vocales oder einer 
Sylbe hinter ihren Laut bezeichnet, wie : be, de. Neben anderen 
Benennungen, als: ef, es, ix, sagen wir auch : ve, (je, xe. Die 
Namen der Zungenvocale und Resonanten werden aber ausschliess¬ 
lich durch das Vortreten eines e vor den Laut gebildet, also : e 1, 
em, en, er. 
Das eigentümliche Vorschlägen des Stimmtones, das uns beim 
Grundlaute r wie beim l aufgestossen, finden wir auch bei den Na¬ 
senschlusslauten , sobald sie als Sonanten auftreten. Wollten wir 
nun auch diesen durch sein Ausströmen durch die Choanen charak¬ 
terisierten Stimmton als etwas dem Laute Fremdartiges ansehen, so 
kämen wir folgerichtig dazu, die menschliche Stimme überhaupt 
von aller Lautbildung und deren einzelnen Producten zu trennen. 
Wir haben den Stimmton (ausnahmsweise die vox clandestina) von 
vornherein als den Träger der Sprache bezeichnet, und nur durch 
seine Vermittelung dient die Sprache ihren äusseren Zwecken. Da¬ 
her bildet er auch das entscheidende Moment bei der Anwendung 
der verschiedenen Lautstufen in der Sprache und die Tonstärke ge¬ 
rade ist es, was in der sprachlichen Praxis einem Laute seinen Bang 
und die möglichste Selbständigkeit giebt. 
Weniger auffallen wird uns das erwähnte Verhalten der Zun¬ 
genvocale und Resonanten, wenn wir beobachten, wie überhaupt 
— dem Charakter der Sylbenbildung gemäss — alle Sonanten er- 
ruptiv auftreten und besonders bei längerem Aushalten des Tones 
erst stärker erklingen, und dann erst abnehmen, um bald ganz zu 
verhallen. Das, was zuerst so mächtig hervorbricbt, ist eben der 
zur Sylbenbildung nöthige Stimmton und es darf darum nicht Wun¬ 
der nehmen , wenn sich derselbe früher bemerkbar macht, als das 
dem Laute eigenthümliche Geräusch, sei diess nun durch Vibration 
oder Resonanz charakterisiert. Um so mehr muss diess der Fall sein, 
wenn das Organ nicht früh genug die einem Laute entsprechende 
Form annimmt, wie diess bei sonantischem r meist geschieht. 
Der Ton, sagt man, ist die Seele der Rede. Wir haben uns 
überzeugt, dass er auch die Seele der einfachen und letzten Sprach- 
elemente ist. Der hellere Stimmton kennzeichnet den Mittelpunkt
        

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