Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die physiologischen Fehler und die Umgestaltung der Klaviertechnik
Person:
Steinhausen, F. A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38311/9/
ERSTER ABSCHNITT. 
Schulter wie Schraubstöcke festgehalten werden mußten und 
dem Handgelenk durch Auflegen von Geldstücken jede Eigen¬ 
tätigkeit genommen wurde. Wohl jeder hat dann die Erfahrung 
gemacht, daß das künstlerische Klavierspiel diese beengenden 
Regeln über Bord warf und eine viel freiere Haltung annahm.] 
2. Man fragt sich: Woher das unentwegte Fortbestehen des 
Widerspruchs? Nun, verfügen die Künstler auch über die rechte 
Technik, so müssen sie doch wohl außerstande sein, den Nach¬ 
wuchs in ihrer Technik zu unterweisen. Ungezählte Lehr¬ 
methoden gibt es, fast soviel als es Künstler gibt, und keine hat 
bisher vermocht, als allgemein gültig sich durchzusetzen. Das 
Unterweisen geschieht tatsächlich nur durch die Nachahmung, 
ein seinem Wesen nach ganz unbestimmtes und nur wenigen 
Talentierten zugute kommendes Hilfsmittel. Im Grande bleibt 
jeder Schüler auf den Weg angewiesen, den auch der Meister 
hatte gehen müssen, den Weg der künstlerischen Intuition1, die 
sich über das Wesen der Technik Rechenschaft nicht zu geben 
pflegt. Der Künstler weiß nicht, wie er spielt, weil ihm die 
Fähigkeit abgeht, seine Arme, seine Muskeln und Gelenke nach 
der ihnen übergeordneten mechanischen Gesetzmäßigkeit gleich¬ 
sam auszufragen. Für solche Fragestellung fehlt ihm in der 
Regel der Forschersinn, er empfindet seine technischen Bewe¬ 
gungen als etwas unmittelbar aus der künstlerischen Intention 
» Man führt als Gegenbeispiel Carl Reinecke an, der als 
größter Mozartspieler seiner Zeit in seiner Lehrmethode stets und 
sorgsam auf ruhige Handhaltung achtete. Aber selbst die ruhigste 
Haltung kann im künstlerischen Spiel nur als optische Täuschung 
bezeichnet werden, denn bei näherer Beobachtung sah man die An¬ 
wendung von Rollung, Schwung, Seitenwurf, Arm- und Schulter¬ 
tätigkeit, wenn auch in weniger oder mehr beherrschten Formen. 
Wenn die Lehrmethode es für ihre heilige Pflicht hielt, diese Bewe¬ 
gungen zu unterdrücken, so geschah dieses eben mit Rücksicht auf 
den Glauben an die alleinseligmachende isolierte Fingerarbeit. Die 
spätere freie Entfaltung der Bewegungen galt als notwendiges Übel, 
das man dem Individualismus zugute schrieb. D. H. 
jt 2 jt
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.