Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die physiologischen Fehler und die Umgestaltung der Klaviertechnik
Person:
Steinhausen, F. A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38311/80/
VERKENNUNG DER PHYSIOLOGISCHEN ÜBUNG. 
wegungen, sog. Kunstbewegungen, eingeübt werden (26). Gerade 
umgekehrt : aus der Masse der längst bekannten und geläufigen 
Bewegungen, über die der normale Körper von Kindheit an 
verfügt, scheidet er, wenn neue Aufgaben an ihn herantreten, 
immerfort aus, wählt die passenden zusammen und sucht gleich¬ 
sam die nicht passenden zu verlernen und immer auszusondern. 
Das ist sein Kunstgriff. Wenn wir die rechte Nutzanwendung 
daraus ziehen, dann muß die Parole lauten : Freiheit den Glied¬ 
maßen, loslassen, nicht ängstlich verhalten und fixieren, denn 
der Körper, sich selbst überlassen, findet den Weg allein und 
so absolut sicher, daß er sich nicht einmal durch Verdrehung 
und Vergewaltigung beirren und von seinem Ziel abbringen läßt. 
Damit soll natürlich nicht schrankenloser Willkür das Wort 
geredet werden. Sie ist nicht zu befürchten. Die verhüten 
schon die Schranken der mechanischen Gesetze. Ich hoffe, 
vor diesem Mißverständnis bewahrt zu bleiben, möchte aber 
hier darauf hinweisen, wie gewisse Leute immer gleich mit der 
Abwehr „schrankenloser Willkür“ bei der Hand sind, selbst da 
schon, wo sie überhaupt gar nicht in Frage kommen kann, wo 
der Körper seinen eignen Gesetzen folgt. Solche Leute be¬ 
herrscht die Befürchtung, es möchten ihre „willkürlichen 
Schranken", die sie törichterweise gezogen haben und für 
höhere Gesetzmäßigkeit ausgeben, durchbrochen werden. 
Ist die Übung ihrem Wesen nach ein geistiger Vorgang, dann 39* 
muß sich das auch in der praktischen Erfahrung betätigen. 
Jeder Musiker weiß aus eigner Beobachtung, um wieviel schneller 
er ein Musikstück, welches er vorher gehört hat, technisch be¬ 
herrscht, als ein ihm völlig neues. Man kann also gleichsam 
im Geiste üben, „bahnen". Leider sind die trefflichen Studien 
O. Raifs in Musikerkreisen viel zu wenig gekannt. O. Raifs 
kleine, aber inhaltreiche Arbeit „Über Fingerfertigkeit beim 
Klavierspiel“1 zeichnet sich durch sachliche Kritik vor so 
1 Stumpfs Beiträge zur Akustik und Musikwissensch. Bd. III, 
S. 65. 
JS 73 J*
        

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