Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die physiologischen Fehler und die Umgestaltung der Klaviertechnik
Person:
Steinhausen, F. A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38311/231/
NEUNTER ABSCHNITT. 
hängnisvoller Irrtum. Das physikalische Schwergewicht ist 
ein unerbittlicher Faktor, mit dem wir rechnen müssen, denn das 
Armgewicht ist und bleibt eine Kraftgröße, die nur durch eine 
andere Gegenkraft, nämlich die Muskelkraft, verstärkt, gemindert 
oder aufgehoben werden kann. Mögen wir nun die Kräfte aus 
Muskeln herholen, wo wir wollen : um die Armschwere wirkungs¬ 
los zu machen, bedürfen wir einer Muskelanstrengung, die wir 
nutzlos vergeuden, weil das Unwirksammachen Selbstzweck ist. 
Sollen wir die Gewichtskräfte nur deshalb aufgeben, weil die 
Rückenmuskeln mit ihrem Kräfteüberschuß imstande sind, die 
genannte Muskelanstrengung mit Leichtigkeit zu übernehmen? 
Caland schaltet in dem Falle ca. i—3 kg als ein „Hemmnis“ 
aus, bei Fortespiel jedoch aus „pädagogischen Gründen“ wieder 
ein mit den Worten (I, S. 79) : „stellt sich bei vertikalen Bewe¬ 
gungen des ganzen Armes, also hauptsächlich beim freien Fall 
von selbst ein und unterstützt die Arbeit der Rückenmuskeln“. — 
Hier wirkt die Beteiligung des Gewichts also noch nicht „kunst¬ 
widrig“, sondern erst dann, wenn diese mitarbeitende Kraft in 
Pflege genommen wird. Der pädagogische Vorteil dieser Folge¬ 
rungen erscheint mir anfechtbar und nur zugunsten der allein¬ 
seligmachenden Rückenkräfte aufgestellt zu sein. Diese Lokali¬ 
sierung des Kräftespeichers kann und soll niemals dahin führen, 
die ca. 40 kleineren Muskeln des Spielkörpers unterzuordnen. 
Es wird ohne weiteres einleuchten, daß die Kräfte ihren Ver¬ 
brauch aus der Umgebung herholen, welche der Anschlag be¬ 
nötigt. Sowenig diese Umgebung sich auf selbständige Finger¬ 
tätigkeit beschränken darf, so wenig braucht sie für alle Fälle 
die Rückenmuskeln einzubeziehen. Ich sage für alle Fälle, 
denn einzelne (Vibrato) sind dabei ausgenommen. Die Kunst 
der Bereitschaft der Spielmuskeln, welche einzig und allein durch 
den Passivzustand gegeben, ist für künstlerische Zwecke höher 
einzuschätzen als die Konzentrierung auf eine Kraftquelle. 
Das STEiNHAUSENSche Prinzip gibt dem Anschlag demnach 
eine viel freiere Entfaltung der Kräfte. 
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