Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Umkehrung der Raumlage auf dem Kopf stehender Worte und Figuren in der Wahrnehmung
Person:
Lewin, Kurt
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38306/49/
258 Kurt Lewin : L ber die Umkehrung1 der Kaumlage auf dem Kopf 
Ohne den \ ersuch einer eigentlichen Theorie der Wahrnehmung zu 
unternehmen, möchte ich schließlich auf einige durch die beobachteten 
Fakten nahegelegten allgemeinen Gesichtspunkte hinweisen. Bekanntlich 
ist das \\ ahrnehmungsbild einer visuellen Gegebenheit in den ver¬ 
schiedensten Richtungen von dessen räumlichem Umfeld abhängig. 
Ebenso ist die zeitliche Ausdehnung des Reizfeldes für das. was als Wahr¬ 
nehmungsbild in einem bestimmten Zeitmoment entsteht, maßgebend 
(s. Gehrcke und Lau a. a. ()., ferner Köhler, dieses Heft S. llö.) Die 
durchgeführten \ ersuche zeigen nun besonders eindringlich die darüber 
hinausgehende Abhängigkeit des Wahrnehmungsbildes von den psychi¬ 
schen Prozessen, in die der betreffende Wahrnehmungsvorgang als ganzer 
eingebettet ist („psychisches Umfeld -). 
tür das \ erständnis der Möglichkeit einer solchen Abhängigkeit muß 
man sich daran erinnern, daß das anschauliche Wahrnehmungsbild nicht 
als unmittelbare Wirkung der Netzhautprozesse angesprochen werden 
kann, sofern man diese nicht selbst als in wesentlicher Hinsicht un¬ 
selbständige Bestandteile eines umfassenderen Gesamtprozesses be¬ 
trachtet. Das Entstehen eines entwickelten anschaulichen Bildes ist 
überdies gar nicht ein notwendiger Effekt eines Wahrnehmungsprozesses. 
Nicht nur bei der Seelenblindheit bleiben das Nachfahren durch das Auge 
übermittelter Linien sowie andere Reaktionen trotz Fehlen eines ent¬ 
wickelten Ansehauungsbildes möglich; auch im normalen Wahrneh¬ 
mungsprozeß pflegen bestimmte Reaktionen resp. unanschauliche Ge¬ 
gebenheiten neben nur rudimentären anschaulichen den Effekt der 
W ahrnehinungsprozes.se zu bilden, wenn die Wahrnehmung im Dienste 
einer bestimmten Tätigkeit steht und nicht, wie gewöhnlich im psycho¬ 
logischen Experiment, mit der Absicht stattfindet, zu einer konkreten 
Anschauung des Gegebenen zu kommen (z. B. beim Lesen sinnvoller 
■Stoffe; vgl. auch die Fälle, in denen beim Umstellen sinnloser Silben 
gewisse leile des Auffassungsprozesses erst nach dem Umstellen statt¬ 
finden, Lewin a. a. ()., II). 
Demnach dürfte das (durch Trieb- oder willensartige Faktoren be¬ 
dingte) Bestehen einer (evtl, latenten) Tätigkeitsbereitschaft*) zum an¬ 
schaulichen Wahrnehmen eine Vorbedingung für das Zustandekommen 
entwickelter anschaulicher Wahrnchmungsbilder sein, wie denn auch 
bei den tachistoskopischen \ ersuchen die Zugehörigkeit des Auffassungs¬ 
prozesses zum Typus der Willensvorgänge in den begleitenden Gc- 
füblsreaktionen und den Auffassungsfehlern meines Erachtens deutlich 
genug zutage tritt. 
Neben dem Zustandekommen ist auch fier Inhalt des Wahrnehmungs¬ 
bildes von W Ute ns/a klaren abhängig. Daß bei gegebenem Netzhaut- 
') Lewin a. a. O. II, S. 96.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.