Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Theorie des Sukzessivvergleichs und der Zeitfehler
Person:
Köhler, Wolfgang
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38303/2/
1 Hi 
Wolfgang- Kühler: 
weniger wichtigen Zeitverliältnis von „Haupt- nnil Vergleiehsreiz" unterscheidet, 
•las Verständnis der älteren Abhandlungen insofern, als sie sieh mit dein psycho¬ 
logisch viel wesentlicheren (Gegensatz der „auf- und absteigenden Schritte" kreuzt. 
I liter den früheren Erklärungsversuchen findet sieh auch schon der 
von Borak erörterte (aber dann aufgegebene), nach welchem die von 
Reiz 1 gesetzte Erregung in der Zwischenzeit bis zum Ein wirken von 
Reiz 2 nicht vollständig abklingt, infolgedessen eine Verstärkung des 
zweiten Eindruckes verursacht, also eine konstante Bedingung zugunsten 
des l rteils ..aufsteigend" schafft, das Erkennen objektiv absteigender 
Schritte dagegen ebenso konstant behindert. — Weit mehr Beachtung 
fand jedoch eine andere Annahme: Da es selbstverständlich schien, dal.! 
man möglichst gleich nach dem zweiten Eindruck diesen mit dem Er¬ 
innerungsbild des ersten vergleiche, mußte das Ergebnis von dem Zustand 
dieses Bildes im Augenblick des Vergleichs abhängen. und weil wieder 
dieses Bild in der Zwischenzeit vermutlich an Intensität verloren hatte, 
so glaubte man. daß der Zeitfehler durch Vergleich eines ..zu schwachen" 
ersten Inhaltes mit einer „richtigen" zweiten Empfindung zustande 
komme: auch auf diese Weise würden ja die Urteile ..aufsteigend" be¬ 
günstigt. die l rteile „absteigend" benachteiligt sein. Am entschiedensten 
hat Lehmann diese Erklärung vorgetragen. 
Inzwischen aber war die Zeit gekommen, da man. der Fechnerachvn 
Fragestellung etwas müde und an ihrer Fruchtbarkeit irre geworden, der 
Phänomenologie des \ ergleiehens größere Aufmerksamkeit zuwandte 
und alsbald entdeckte, daß das Gedächtnisbild des ersten Eindrucks in 
sehr vielen, vielleicht den meisten Fällen von Sukzessiv vergleichen gerade 
zur Zeit der l rteilsentstehung überhaupt nicht festzustellen und deshalb 
für das \ ergleichen unwesentlich war; also konnte auch seine supponierte 
Abschwächung (während der Zwischenzeit) nicht die Ursache jener Er¬ 
scheinung sein. Einmal gegen diesen Erklärungsversuch eingenommen, 
fand man bald auch gegen die zu deutenden Befunde mancherlei ein¬ 
zuwenden. und in der lat gibt Durchsicht der Versuchsberiehte kein 
ganz klares Bild. Kümpfe1) findet sogar die Richtung des Zeitfehlers 
keineswegs konstant. So konnte es nicht ausbleiben. daß in der Folge 
über einer fast verwirrenden Menge von phänomenologischen Einzel¬ 
feststellungen (was nämlich alles wirklich beim Vergleichen empfunden, 
vorgestellt oder gedacht werde) die Angelegenheit des merkwürdigen 
Zeitfehlers immer weniger Interesse fand, bis nun Borak auf dem Gebiet 
des (lewichtsvergleiehes von neuem nachdrücklich auf ihn hin wies. 
Man sieht aus seinen Ergebnissen — Prüfung an einer größeren Zahl von 
Versuchspersonen wäre freilich noch angebracht —. daß es sich um eine 
recht kräftige Asymmetrie im Verhalten der auf- und absteigenden 
Schritte handelt. — Die Tragweite des Befundes hängt stark davon ab, 
l) Philos. Stud. 8.
        

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