Bauhaus-Universität Weimar

im synthetischen Leseunterrichte. 
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das Lautieren an, ein Lesen zu sein, das auch natürliches Interesse 
zu erzeugen vermag1). 
Von dem Kleinbuchstaben „i“ bis hierher ist aber ein be¬ 
schwerlicher Weg; er führt sogar über Klüfte und Spalten, die ein 
synthetisch-phonetischer Ausbau nicht zu überbrücken vermag. Er 
ist aber auch ein langer Weg. Freilich sind es nur wenige Laute, 
aus der die Klangbilder unserer Sprache zusammengesetzt sind, es 
sind ihrer kaum dreißig. Wenn der Leseschiiler für jeden der 
dreißig, durch die Höhenpunkte der vielfach verflochtenen Sprech¬ 
bewegung hervorgebrachten Laute je nur ein Schriftzeichen sich zu 
merken hätte, so wäre das wirklich nicht schlimm und man könnte 
sich dann mit dem synthetischen Lesewege schon noch einver¬ 
standen erklären. Unsere Schrift wäre ja dami wirklich eine 
phonetische Lautschrift ; das ist sie aber leider nicht. Der Lese¬ 
anfänger lernt zunächst für den aus bekannten Worten heraus¬ 
gehörten Laut ,,i‘‘ den deutschen Kleinbuchstaben ,,i“ und übt 
ihn einzeln und in den Wörtern „in, im, mir, dir, wir“ usw. bis zur 
automatischen Fertigkeit ein. Auf gleiche Weise hat er für den 
Laut ,,e“ den Buchstaben „e“ sich eingeprägt. Bald darauf soll er 
aber in den Wörtern „sie, die, nie, wie, hier, vier“ die beiden Buch¬ 
staben „ie“ nur ,,i“ lesen, das ,,e“ zeigt hier nur an. daß das ,,i 
lang gesprochen werden soll, der Buchstabe . .e " ist in den Wörtern 
ein stummes Dehnungszeichen. So erklärt der Lehrer diese W illklir. 
Ist der Laut „i“ in den Wörtern „dir, mir, wir“ nicht genau so 
lang? — Lind dann, in „Marie, Knie“ wird das „ie“ wie ,,i“ ge¬ 
lesen, hingegen in „Julie, Antonie“ wieder als zwei Laute mit zwei 
Sprachstößen. Woher soll denn das Kind wissen, daß das wieder 
Ausnahmen sind ? Aus dem Schriftbild geht das nicht hervor, der 
Lehrer muß es also dem Schüler sagen und der Schüler muß sich 
einfach diese Wörter merken, die ganzen W Örter nebst der richtigen 
Aussprache. Kaum hat sich aber der Leseschiiler daran gewöhnt, 
den Buchstaben „e“ hinter dem „i“ als Dehnungszeichen zu 
betrachten, da treten ihm in der Fibel die Wörter ..ihn. ihm. ihr“ 
entgegen, nachdem er früher bereits den Buchstaben ..h“ als das 
Zeichen für den Hauchlaut vor den Vokalen in den Wörtern ..hin, 
her, hier, hoch“ kennen gelernt hatte. Hier muß der Leseschüler den 
von dem Buchstaben „h“ ausgehenden motorischen Impuls zur 
>) Lay, Führer, S. 259: „Es ist pädagogisch verfehlt und psychologisch 
unnatürlich, wenn die Methodiker eine Stufe des mechanischen eine 
höhere Stufe des verständnisvollen und eine höchste Stufe des schonen 
Lesens unterscheiden und in der Praxis zur Geltung bringen. 
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