Bauhaus-Universität Weimar

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Malisch, Die phonetische Grundlage 
durch die Nase entweichen. Die Sprachorgane kehren auch nicht in 
die Ruhestellung zurück, sondern sie nehmen auf dem kürzesten 
Wege die Stellung ein, die das dem ,,t“ folgende ,,n“ benötigt. Die 
Lippen bleiben in der Regel offen, der Zungenrand-Zahnfleisch¬ 
verschluß bleibt bestehen, dagegen senkt sich das Gaumensegel, 
weil der Exspirationsstrom beim „n“ durch den Nasenkanal ent¬ 
weichen muß, und die Stimmlippen, die beim ,,t“ außer Tätig¬ 
keit waren, werden wieder zur tonerzeugenden Stellung gespannt. 
Aus dieser groben Skizze der Sprechbewegungen zeigen sich 
ganz deutlich die großen Unterschiede bei der Erzeugung der 
EinzelJaute von der Ruhelage aus und bei der Erzeugung der 
Laute im zusammenhängenden Sprechen. Nachdem sie durch 
sprachphysiologiscb.e Untersuchungen unzweifelhaft festgestellt 
sind, nachdem man erkannt hat, daß ein bedeutender Teil der 
Sprechbewegungen, die bei der Erzeugung der Einzellaute unbe¬ 
dingt nötig sind, für den Zusammenschluß zu Wortklängen nicht 
nur überflüssig, sondern in hohem Maße störend ist, so wird man 
die weitere wissenschaftliche Prüfung des synthetischen Lese¬ 
weges nicht mehr mit den Worten ab lehnen wollen: „Die syn¬ 
thetische Lesemethode ist die beste, da gibt es nichts mehr zu ver¬ 
bessern, sondern höchstens zu verbösern“, die mir vor kurzem 
von einem eingefleischten Synthetiker zugerufen worden sind. — 
Die Ergebnisse sprach physiologischer LTntersuchungen der Lese¬ 
vorgänge sind in den Lehrerkreisen nicht gänzlich unbekannt. Viel¬ 
fach neigt man aber zu der Ansicht, daß die Schwierigkeiten beim 
Zusammenziehen der Einzellaute hauptsächlich bei den Stoßlauten 
hervortreten, hingegen bei den Dauerlauten und besonders den 
Vokalen gänzlich schwinden, weil diese Laute im W orte so klingen, 
wie sie .allein gesprochen werden. Freilich klingen die Dauerlaute 
in der Höhenlage ihrer Artikulation im Worte so, wie isoliert ; der 
Laut ,,n" in „mitnehmen“ ist phonetisch gleich dem isolierten 
Laut „n". Trotzdem ist die Sprechbewegung, die nötig ist, um 
diesen Laut als Einzellaut von der Ruhelage der Sprachorgane aus 
zu erzeugen, bedeutend anders als die, die ihn aus der Artikulation 
des vorangegangenen „t“ entstehen läßt. Das Öffnen der Lippen 
fällt hier weg, auch das Öffnen der Kinnbacken, weil das beim ,,t“ 
schon zutraf; ebenso fällt das Heben der Zunge und das Anlehnen 
des Zungenrandes an das obere Zahnfleisch weg, weil das auch schon 
zur Artikulation des „t“ gehörte, hingegen tritt hier das Senken des 
Gaumensegels hinzu, was bei der Erzeugung aus Ruhelage nicht 
nötig war, weil der Nasenkanal offen stand. Nur die Inner-
        

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