Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die physiologischen Fehler und die Umgestaltung der Klaviertechnik
Person:
Steinhausen, F.A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38236/70/
VERKENNUNG GRUNDLEGENDER KRÄFTE. 
nicht in Einklang stehen und willkürlichen, unfreien Zwang 
ausüben. So kommt es, daß gemeinsam jene Autoren in dem 
Bestreben sich zusammenfinden, von der Fingertechnik sich 
freizumachen und größere und von der Muskelkontraktion un¬ 
abhängige Kräfte im Anschlag wirken zu lassen, als die Finger¬ 
beuger sie besonders im Forte aufzubringen vermögen. Dabei 
läuft denn der verzeihliche Irrtum unter, daß das Spiel bewußt 
mittels der Masse in direkten Gegensatz gegen die alte Technik 
gestellt wird in der Auffassung, als habe man jemals ohne die 
Masse auch nur einen Ton auf dem Klavier spielen können. 
Der erste Schritt von der bloßen Muskelarbeit loszukommen, 
war der Versuch mit Hilfe des „freien Falles“69 der Finger die 
Taste anzuschlagen. Über die Größe und Bedeutung dieser 
Hilfe und den korrekten Begriff des Falles ist man sich nie recht 
klar geworden. Was hat Deppe, der Lehrer des freien Falles 
subjektiv nicht alles mit ihm zu erreichen und aus dem durch 
ihn erzeugten Ton herauszuhören geglaubt.4 Freier Fall be¬ 
deutet, richtig verstanden, einen rein physikalischen Vorgang. 
Daß er, wie man meint, ohne Hilfe der Muskeln sich abspiele, 
das trifft für den lebenden Körper nicht zu, selbst nicht einmal 
für die Verhältnisse an der Leiche. Die ganze Extremität ist 
durch den Gelenkmuskelapparat so fest organisch von der 
Schulter bis zur Fingerspitze zusammengefügt, daß — sogar 
an ihrem freien Ende — die rein physische Einwirkung der 
Schwere auf einen größeren oder kleineren Abschnitt der Glied¬ 
maße ausgeschlossen ist. Von freiem Fall könnte nur bei einem 
fallenden ausgeschnittenen Glied gesprochen werden. Am 
lebenden Körper ist Wirkung der Schwere ohne die organischen 
Kräfte der Muskeln und Gelenke, wie gesagt, nicht denkbar. 
So stellt sich denn bei näherer Prüfung der sog. freie Fall tat¬ 
sächlich als nichts andres dar, denn als eine durch leichten 
kurzen Impuls der Beugemuskeln eingeleitete schwingende 
Bewegung der Finger und der Hand.69 Dem freien Fall des 
Fingers wäre es überhaupt bei der geringen Fallhöhe und der 
Stkinhausen, Klaviertechnik. r 
j* 65 jt
        

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