Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die physiologischen Fehler und die Umgestaltung der Klaviertechnik
Person:
Steinhausen, F.A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38236/42/
VERKENNUNG DER PHYSIOLOGISCHEN ÜBUNG. 
an ästhetisch befriedigendem Aussehen (86). Aber erfahrungs¬ 
gemäß und regelmäßig geht alles Einüben vom Maximum, von 
anfänglicher Kraftvergeudung und Überanstrengung aus, von 
der groben zur feinen Technik. Das sind bekannte Dinge. Daß 
beim technischen Lernen die sogenannten Mitbewegungen, d. h. 
diejenigen Bewegungen, welche die rechte Gliedmaße mit der 
linken und umgekehrt unwillkührlich mitmacht, zu allererst be¬ 
seitigt werden, ist ziemlich die bestgekannte Seite der Übung, 
aber es ist auch nur die sinnfälligste, gröbste Vorstufe. Physio¬ 
logisch viel wichtiger und weniger an der Oberfläche liegend 
sind die Nebenbewegungen, d. h. die vorher erwähnten zweck¬ 
widrigen Bewegungen des Anfängers, welche benachbarte Mus¬ 
keln und Muskelteile zuerst unwillkürlich mitmachen, und 
welche durch den Fortgang der Übung allmählich kleiner und 
schwächer und zuletzt ganz ausgeschaltet werden. Je geläufiger 
eine Bewegung, um so mehr sind die Nebenbewegungen schon 
vermieden. Daher das anfängliche Ungeschickte, Eckige, Un¬ 
beholfene ungewohnter und unbekannter Bewegungen. 
Der Körper macht’s also eigentlich ganz anders, gerade ent¬ 
gegengesetzt, wie die Herren Musiklehrer es für richtig halten, 
wenn sie behaupten, bei der Ausbildung der Klaviertechnik 
müßten „ganz neue, dem Körper bisher unbekannte“ Be¬ 
wegungen, sog. Kunstbewegungen eingeübt werden (26). Gerade 
umgekehrt : aus der Masse der längst bekannten und geläufigen 
Bewegungen, über die der normale Körper von Kindheit an 
verfügt, scheidet er, wenn neue Aufgaben an ihn herantreten, 
immerfort aus, wählt die passenden zusammen und sucht gleich¬ 
sam die nicht passenden zu verlernen und immer auszusondern. 
Das ist sein Kunstgriff. Wenn wir die rechte Nutzanwendung 
daraus ziehen, dann muß die Parole lauten : Freiheit den Glied¬ 
maßen, loslassen, nicht ängstlich verhalten und fixieren, denn 
der Körper, sich selbst überlassen, findet den Weg allein und 
so absolut sicher, daß er sich nicht einmal durch Verdrehung 
und Vergewaltigung beirren und von seinem Ziel abbringen läßt. 
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