Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die physiologischen Fehler und die Umgestaltung der Klaviertechnik
Person:
Steinhausen, F.A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38236/38/
VERKENNUNG DER PHYSIOLOGISCHEN ÜBUNG. 
sicht, der Zweck. Es ist daher vergebliche Mühe, das unsrer 
Natur nach Unbewußte künstlich zu einem bewußten Vorgang 
machen zu wollen, wie es der Fall ist, wenn man versucht, alle 
die Hautempfindungen bei der Berührung der Taste aufmerk¬ 
sam zu perzipieren und bewußt zu verarbeiten. Die Tast¬ 
empfindungen der Fingerspitze an sich wollen einige Musiker 
bewußt eingeübt wissen (Jaëll, Caland u. a. 46). Es hätte 
doch nur Sinn, die Tastleistungen zu steigern, wenn man sich 
über die Oberflächengestalt eines Objekts immer genauer Aus¬ 
kunft verschaffen wollte, so etwa wie die Blinden ihren Tast¬ 
sinn auszubilden gezwungen sind. Um den Tastsinn, den von 
allen Klaviertheoretikern allein genannten, handelt es sich 
überhaupt gar nicht, die Oberfläche der Klaviertaste ist absolut 
gleichgültig. Vermutlich ist der Drucksinn stets gemeint, d. h. 
diejenige Qualität unsres Hautsinnessystems, mittels der die 
Größe eines auf die Haut wirkenden Druckes zur Kenntnis des 
Zentralorgans gebracht wird. Ich sage absichtlich: Zentral¬ 
organs, denn nur ausnahmsweise gelangen Druckreize zu unserm 
Bewußtsein. Zum Glück für unsre innere geistige Natürlichkeit 
und Freiheit spielen sich alle die unsre Bewegungen begleitenden 
und zu ihrer Abstufung und Regulierung notwendigen Druck¬ 
wahrnehmungen ganz und gar unter unserm hellen Bewußtsein 
ab. Der Drucksinn leistet übrigens beim Anschlag so Bedeuten¬ 
des gar nicht, dem Muskel-, Lage- und Bewegungssinn (33) 
fällt eine weit wichtigere Rolle zu; was jedoch, weil alles unbe¬ 
wußt, genauer kaum abzuschätzen ist. Jedenfalls verkennt 
einseitige auf das „Bewußtmachen“ abzielende Ausbildung des 
Hautsinnes seine eigentliche und wichtigste, d. h. unbewußt ge¬ 
schehende Tätigkeit, welche mit jeder Verfeinerung einer Be¬ 
wegung sich auch stets unbewußt in ihrer kontrollierenden 
Arbeit verfeinert. Versuche, die Übung an den Hautempfin¬ 
dungen zu beginnen, sind so aussichtslos, wie unnatürlich. 
Überdies würde die die Druckempfindung kontrollierende be¬ 
wußte Beobachtung die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen, 
Stkinhauskn, Klaviertechnik. 3 
ji 33
        

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