Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Eine neue Claviatur. Theorie und Beispiele zur Einführung in die Praxis
Person:
Jankó, Paul von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38215/36/
bewirkte Straffheit der Synovialhäute an den Gelenken die Beweglichkeit 
der Hand und Fingergelenke beschränken und somit einen grösseren Kraft¬ 
aufwand bedingen würde. 
Man versuche nur, um sich davon zu überzeugen, repetirte Sexten 
und Decimen auf der gewöhnlichen Olaviatur in schnellem Tempo zu spielen, 
und man wird sich überzeugen, dass erstere in Folge der geringeren Span¬ 
nung ungleich längere Zeit fortgesetzt werden können. 
Die grösste Kraftersparniss resultirt aber aus der Einrichtung, dass 
die Tasten der neuen Olaviatur nicht genau wagerecht liegen, sondern etwas 
geneigt, wie dies in der Beschreibung ausführlich erörtert worden ist. Es 
wäre ein Irrthum, zu glauben, dass der Schlag der Hand auf die Tasten 
für gewöhnlich ein verticaler ist; eine nur etwas aufmerksame Beobachtung 
belehrt uns augenblicklich, dass die Schläge, ob sie aus dem Handgelenke 
allein, oder aus dem Unterarme, oder endlich mit voller Kraft unter Zuhilfe¬ 
nahme des Oberarmes geschehen, allemal schief gegen die Olaviatur geführt 
werden, so zwar, dass die Hand mit dem Schlag von oben nach unten, sich 
zugleich etwas vom Körper entfernt. 
Das Grund dafür ist ein physikalischer: Im Moment, wo die Finger 
eine oder mehrere Tasten niederdrücken, ist’s nicht der Oberarm allein, der 
das volle Gewicht des Unterarmes und der Hand zu tragen hat, sondern 
mindestens ein Theil dieses Gewichtes kommt auf Rechnung der nieder- 
gedrückten Tasten. Diesem Verhältnisse entspricht eine gewisse momentane 
Gleichgewichtslage, in welche sich auch der Arm einstellt; hebt man nun 
die Hand oder den Unterarm zu neuem Schlage auf, oder hilft gar auch 
noch der Oberarm nach, so ändern sich augenblicklich die Gleichgewichts¬ 
bedingungen ; die Oberarmmuskeln übernehmen das ganze Gewicht des 
Unterarmes und der Hand, und um der neuen Gleichgewichtslage zu ent¬ 
sprechen, rückt der Schwerpunkt des Gliedercomplexes unter den Unter¬ 
stützungspunkt, das ist gegen die Achsel, der Oberarm weicht also etwas 
gegen rückwärts aus, wofern er nur „locker“ gehalten wird. 
Dieses Lockerhalten des Armes ist aber eine Grundbedingung desClavier- 
spielens. Anatomisch ausgedrückt lautet das Recept dazu: Zwei Antagonisten, 
d. h. solche Muskeln, die entgegengesetzte Wirkung ausüben, sollen 
nicht zugleich angespannt werden. Solche sind der „grosse Brustmuskel“ 
und der „breite Rückenmuskel“ ; der erste hebt den Oberarm nach vorne, 
der zweite nach hinten. Würde man diese zwei Antagonisten zugleich an¬ 
spannen, so wäre damit der Oberarm festgehalten, aber unnützerweise auch 
Kraft verschwendet, denn die Antagonisten heben sich in ihrer Wirkung 
gegenseitig auf und ermüden also einander ohne etwas zu leisten. Will man 
also seine Kräfte schonen, so hält man den Arm locker und kommt dadurch 
nothgedrungen dazu, die Hand beim Aufheben zugleich etwas an den Körper 
anzuziehen.
        

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