Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erwiderung auf die Bemerkung von L. Mohr über unsere Kritik seiner Arbeit «Über die Ausscheidung von Aminosäuren im diabetischen Harn»
Person:
Abderhalden, Emil Alfred Schittenhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37671/2/
Erwiderung auf die Bemerkung von L. Mohr. 575 
daß hier zum erstenmal der Übergang höher molekularer 
Aminosänreverbindungen in den Harn nachgewiesen ist.» 
Wir haben nun aus einer sehr reichen Erfahrung heraus ganz 
allgemein betont, wie vorsichtig man sein muß, bei Aminosäuren und 
ihren Derivaten aus Analysenzahlen irgend welche Rückschlüsse zu 
ziehen, und zwar auch dann, wenn unter dem Mikroskop eine scheinbar 
einheitliche Substanz nachgewiesen ist. Wir besitzen Analysen von 
ß-Naphtalinsulfoderivaten, die genau auf Glycyl-glycin, Glycyl-leucin und 
Leucyl-leucin stimmen, und zwar ist in einzelnen Fällen die Überein¬ 
stimmung im C-, H- und N-Gehalt eine ganz auffallende. Es gelang 
jedoch in keinem Falle, den Beweis, daß nun diese Verbindungen wirk¬ 
lich vorliegen, zu einem zwingenden zu gestalten. In fast allen Fällen 
gelang es, durch sorgfältiges Umkrystallisieren usw. eine Trennung in 
die einfachen Aminosäurederivate durchzuführen. Es ist klar, daß wir 
auf Grund dieser Erfahrungen wohl berechtigt waren, ein Urteil über 
eine Feststellung, wie sie Mohr im vorliegenden Fall gemacht hat, zu fällen. 
Wir weisen Mohrs Antwort ganz entschieden zurück. Sie bringt 
nichts Neues und enthält Vorwürfe, die in keiner Weise begründet sind. 
Der Umstand, daß wir nicht erwähnten, daß Mohr d-Leucin verfütterte, 
und deshalb auf ein Polypeptid schloß, ist ganz nebensächlich und hat 
nicht das geringste mit unserer Kritik zu tun. Die Logik Mohrs bei 
seiner Schlußfolgerung ist bezeichnend für eine große Zahl biologischer 
Arbeiten. Es wird d-Leucin verfüttert, es findet sich im Harn eine 
Substanz mit 7,4 °/o N, einen ähnlichen N-Wert weist Dileucyl-leucin auf, 
folglich ist es sehr wahrscheinlich, daß der tierische Organismus aus 
d-Leucin, d. h. aus der optisch aktiven Komponente, die der natürlich 
vorkommenden entgegengesetzt ist, ein Polypeptid gebildet hat! Mohr 
weiß absolut nicht, ob sein Produkt Leucin enthalten hat ! Er nimmt das 
an, und zwar deshalb, weil er d-Leucin verfüttert hat! Wir denken, daß 
die Betonung Mohrs, daß unsere Meinung nur ein Standpunkt und weiter 
nichts sei, doch nicht ohne weiteres richtig ist. Der Chemiker darf eine 
Substanz nur dann als identifiziert ansehen, wenn er eine ganze Reihe 
von Eigenschaften festgestellt und verglichen hat. Von ihm verlangt 
man eine direkte Beweisführung. Der physiologische Chemiker soll da¬ 
gegen das Vorrecht haben, trotzdem er durch die Dazwischenschaltung 
des tierischen Körpers unendlich komplizierteren Verhältnissen gegenüber¬ 
steht, auf Grund eines vollständig ungenügenden Tatsachenmateriales 
bestimmte Schlußfolgerungen so zurecht zu legen, wie sie ihm plausibel 
erscheinen! Wir vertreten den Standpunkt, daß von dem physiologischen 
Chemiker eine mindestens ebenso scharfe Beweisführung zu verlangen 
ist, wie vom reinen Chemiker. Wir werden uns durch die schweren An¬ 
griffe Mohrs nicht abhalten lassen, auch fernerhin auf so schwachen Füßen 
ruhende Angaben, und wenn sie auch nur als vorläufige gekennzeichnet 
werden, zu besprechen. Es ist klar, daß es für die ganze weitere Ent-
        

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