Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Frage nach der Unsterblichkeit der Einzelligen [Offprint]
Person:
Weismann, August
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37654/16/
Weismann, Zur Frage nach der Unsterblichkeit der Einzelligen. (363 
vorhob — einen wertvollen Beweis dafür zu enthalten, dass die 
beiden Teilhälften des Tieres physiologisch gleich¬ 
wertig sein müssen, dass nicht etwa die eine „gealtertes“ Pro¬ 
toplasma enthält, die andere „verjüngtes“. Ich glaube, man darf es 
jetzt als eine feststehende Thatsache betrachten, dass die gewöhn¬ 
liche Zweiteilung der Einzelligen physiologisch gleichwertige, also 
gleich lebensfähige Individuen aus sich hervorgehen lässt, dass in 
der That — wie ich es früher ausdrückte — keiner der Sprösslinge 
der ältere, keiner der jüngere ist. Schwerlich war dies so ohne wei¬ 
teres selbstverständlich; ich wenigstens würde nicht gewagt haben, 
die Protozoen schlechthin als unsterblich zu bezeichnen, wenn nicht 
diese Thatsache Vorgelegen hätte. Was hätte man gegen die Ver¬ 
mutung sagen wollen, dass stets die eine Teilhälfte aus älterem Pro¬ 
toplasma bestehe, das durch die Prozesse des Lebens von einer Tei¬ 
lung zur andern immer mehr abgenutzt werde, bis es schließlich die 
Fähigkeit zur Teilung ganz verliere und einem physiologischen Tod 
verfalle ? 
Man könnte übrigens trotz Euglypha auch jetzt noch manche 
Einwürfe gegen die hier vertretene Anschauung Vorbringen, und es 
wundert mich, dass dies nicht längst geschehen ist; zunächst gegen 
die Gleichaltrigkeit der Teilstücke. Grade bei Euglypha, über¬ 
haupt bei vielen beschälten Wurzelfüßern, sind die Teilhälften wirk¬ 
lich ungleich, sobald man die Schale mit in betracht zieht. Denn 
die Schale reicht nur für die eine Teilhälfte hin, die andere aber 
bekommt eine neue Schale, die in sehr merkwürdiger Weise in Form 
einzelner Plättchen im Innern der alten hergestellt und dann während 
der Teilung auf der aus der alten Schale hervortretenden Teilhälfte 
ausgebreitet wird. Wenn sich die Sprösslinge trennen, kann man sie 
sehr wohl von einander an der hellem und dunklern (alten) Schale 
unterscheiden. Aehnlielies lässt sich bei manchen Infusorien beo¬ 
bachten, so z. B. bei den Vorticellinen der Gattung Cothurnia. Man 
könnte nun einwerfen, dass die ältere Schale sich allmählich abnützen 
müsse, dass sie unmöglich die Festigkeit und Dauerhaftigkeit besitzen 
könne, um durch Millionen und aber Millionen Generationen hindurch 
unverändert auszuhalten, dass somit das von ihr eingeschlossene Bion 
schließlich doch einmal dem Tode verfallen müsse, folglich nicht un¬ 
sterblich sein könne. Ich will ganz davon absehen, dass möglicher¬ 
weise das Tier die alte, sich abnützende Schale durch Ausscheidung 
von innen her verdicken, ja sich einfach eine neue Schale bilden 
könnte1), — der ganze Einwurf ist deshalb nicht stichhaltig, weil 
das Tier, sollte es wirklich durch die allmählich eintretende Ab- 
1) Wie dies durch Claparède und Lach mann bei Arcella beobachtet 
wurde. Vergl. Bütschli in Bronn’s „Klassen und Ordnungen“. Rhizopoden 
S. 180.
        

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