Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Theorien der Farbenwahrnehmung. Nach einem in der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien gehaltenen Vortrag [Offprint]
Person:
Fleischl, E. v.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37648/10/
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v. Fleischl, Theorien cler Farbenwahrnehmung. 
weiße Substanz fehlt, oder wie diese Menschen sehen sollten? Diese 
müssten die Dinge alle farbig sehen, aber ohne Grad von Helligkeit. 
Es scheint mir überhaupt ganz besonders unsern Empfindungen zu 
widerstreiten, dass wir die Helligkeit als eigene Sinnesqualität ansehen 
sollen, die von der Farbe ganz verschieden, ganz getrennt ist. 
Wir sind gewöhnt, Helligkeit als Grad der Farbe anzusehen, nicht 
als eigene Qualität. 
Durch alle diese und sehr viel andere besonders in letzter Zeit 
häufig angestellte Erwägungen ist aber eine Entscheidung über die 
größere oder geringere Berechtigung der einen oder der andern 
Theorie nicht zu gewinnen gewesen, und es haben sich deshalb Viele 
bemüht, zu einer wirklichen Entscheidung, zu einem experimentum 
crucis zu gelangen. 
Gerade in der allerletzten Zeit sind wieder einige hierhergehörige 
Publikationen erschienen; doch muss ich *— obwol sich unter den 
Autoren sehr bedeutende Namen befinden und in den Publikationen 
sehr wichtige und interessante Dinge mitgeteilt sind •— doch sagen, 
dass ich ein experimentum crucis, welches zwingen würde, sich wenig¬ 
stens einstweilen für die eine oder die andere Theorie zu entscheiden, 
nur in zwei Abhandlungen gefunden habe; über welche ich noch kurz 
referiren möchte. 
Die eine dieser Abhandlungen ist schon vor mehrern Jahren er¬ 
schienen und hat Herrn v. Kries zum Verfasser (Arch. f. Physiol. 1878. 
S. 503). — Diese Arbeit ist in eine etwas complicirte Form gekleidet ; 
sie beginnt gleich mit einem System von Gleichungen, und ich glaube 
gerade, dass diese mathematische Ausdrucksweise vielleicht Manchen ab¬ 
gehalten hat, die Abhandlung genau durchzulesen und ihren wertvollen 
Inhaltzu benützen. Prof. v. Kries sagt: Wenn ich einen roten Gegen¬ 
stand ansehe und meine Netzhaut dadurch für rot ermüde, so wird das nach 
Y o u n g’s Theorie, sobald ich später einen grauen Gegenstand ansehe, 
ein blaugrünes Nachbild abgeben, und zwar wird es dabei gleichgül¬ 
tig sein, ob dieser graue Gegenstand eine Mischung von weißem und 
schwarzem Pulver ist, oder eine Mischung von schwarzen und weißen 
Sectoren einer Scheibe, welche rasch gedreht wird; oder ob ich die¬ 
ses Grau dadurch erzeugt habe, dass ich eine mit allen Farben des 
Spectrums versehene Scheibe rasch drehe. Es ist also ganz gleich¬ 
gültig, auf welche Weise das Grau der Fläche erzeugt und zusammen¬ 
gesetzt ist; sobald ich sie mit einem für rot ermüdeten Auge ansehe, 
werden die andern Fasern erregt, und ich sehe ein blaugrünes Nach¬ 
bild. Das ist aber nicht ebenso der Fall, wenn die Hering’sche 
Theorie unserer Betrachtung zu Grunde gelegt wird. Wenn wir dies 
tun, so muss nach Kries der Erfolg ein anderer sein, je nachdem 
die graue Fläche grau ist, weil sie aus weiß und schwarz zusammen¬ 
gesetzt ist; oder grau ist, weil sie aus einem andern Paar von Far¬ 
ben zusammengesetzt ist, welche zusammen eben dieses Grau geben.
        

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