Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Anatomie und Physiologie der Retina. Aus dem Laboratorium für vergleichende Anatomie und Physiologie zu Rom, Achte Mittheilung [Offprint]
Person:
Boll, Franz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37647/4/
Zue Anatomie und Physiologie der Retina. 7 
Zustande sie eine Viertelstunde und auch noch länger verharrt (III. Stadium). 
Dann wird sie allmälig trübe und undurchsichtig (IV. Stadium). Die mikro¬ 
skopische Untersuchung ergiebt, dass die rothe Farbe des ersten und der 
Atlasglanz des zweiten Stadiums ausschliesslich ihren Sitz haben in der 
plättchenstructurirten Substanz der Aussenglieder. Gegen das Ende des 
zweiten Stadiums quillt diese auf und verändert sich und ihr Brechungs¬ 
index nähert sich dem der übrigen Retinaschichten: die Retina wird 
daher jetzt, im dritten Stadium, vollkommen durchsichtig. Die Trübung 
der Retina im vierten Stadium hat endlich ihren Grund nicht in Ver¬ 
änderungen der Stäbchenschicht, sondern in Gerinnungen von Eiweiss¬ 
körpern, welche in den übrigen Netzhautschichten stattfinden. 
Wie war es aber nur möglich, dass diese so auffallenden Erschei¬ 
nungen, die dem Auge fast aller Thiere in gleicher Weise zukommen, 
bisher der Aufmerksamkeit der Forscher entgangen waren ? Meine erste 
Erklärung war, dass es sich hier um eine äusserst vergängliche Lebens¬ 
eigenschaft der Netzhaut handle, die nur in den ersten kurzen Momenten 
nach dem Tode des Thieres nachweisbar und den früheren Untersuchern 
daher einzig und allein aus dem Grunde entgangen sei, weil sie die Retina 
niemals schnell und frisch genug untersuchten und stets den ersten kost¬ 
baren Augenblick nach dem Tode des Thieres, jene kritischen ersten 
10—20 Secunden, verstreichen Hessen, innerhalb deren ich die rothe 
Farbe fast stets schon hatte gänzlich verschwinden sehen. Bald aber stellte 
sich mir heraus, dass diese Erklärung nicht ganz stichhaltig sein und 
höchstens nur einen Theil, niemals aber die ganze Wahrheit enthalten 
könne. Es fiel mir bei meinen fortgesetzten Versuchen bald auf, dass ich 
häufig die rothe Farbe der Retina nicht mehr zur Anschauung bringen 
konnte, obwohl ich so schnell wie immer präparirt hatte und die kritischen 
10—20 Secunden vom Tode des Thieres bis zur Präparation der Retina 
sicher noch nicht verflossen waren. Trotzdem war in vielen Fällen keine 
Spur von der rothen Farbe mehr nachzuweisen. Aus der Fülle dieser 
widerstreitenden Beobachtungen blieb mir bald kein anderer Ausweg als 
anzunehmen, dass auf das Verschwinden der rothen Farbe ausser dem 
Erlöschen des Lebens und dem Fortfall der normalen Ernährungs¬ 
bedingungen noch irgend ein anderes physiologisches Element von Ein¬ 
fluss sei. So gelangte ich bald zu der Vorstellung, dass die rothe Farbe 
keine constante Eigenschaft der lebenden Netzhaut, sondern einem phy¬ 
siologischen Wechsel unterworfen sein müsse, und dass das Erblassen der 
Netzhaut nicht bios im Tode und bei der Herauslösung aus dem Auge, 
sondern wahrscheinlich unter gewissen Bedingungen bereits intra vitam 
eintreten könne. Einmal auf diesem Standpunkte angelangt, war es nicht 
mehr schwer, das hier wirksame physiologische Moment zu errathen, und
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.