Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Anatomie und Physiologie der Retina. Aus dem Laboratorium für vergleichende Anatomie und Physiologie zu Rom, Achte Mittheilung [Offprint]
Person:
Boll, Franz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37647/31/
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Franz Boll: 
Niemand leugnen; ich möchte noch weiter gehen und zu bedenken geben, 
dass sie ausserdem auch noch unnütz ist und die Frage nach dem Wesen 
der Sinnesempfindung anstatt sie zu vereinfachen nur noch complicirt. 
Denn das grosse Räthsel über das WTesen der Empfindung bleibt ebenso 
gut wie für das an der Peripherie erzeugte, so auch für das im Central- 
organ reproducirte Empfindungsbild bestehen, da die Örtliche Verlegung 
in das Centralorgan die Schwierigkeit nur hinauszuschieben aber nicht 
zu lösen vermag. Denn es bleibt immer noch nöthig festzustellen, in 
welcher Weise die Seele das im Centralorgan reproducirte Bild sich zu 
eigen macht. Ich finde es daher einfacher anzunehmen, dass die Qualität 
der Empfindungen sich schon in der Retina selber feststellt und dass 
die Seele ganz direct an der Peripherie die verschiedenen Zustände der 
Sinnesnervenendigungen abliest, die dann nicht erst weiter nöthig haben, 
innerhalb des Centrums in einem besonderen Aufnahmeapparate registrirt 
und von diesem an die Seele zur Empfindung übermittelt zu werden.1 
Von diesem Standpunkte aus hätte man anzunehmen, dass die in den 
Endapparaten der Sinnesnerven stattfindenden Veränderungen ganz direct 
in das Bewusstsein übergehen. In Bezug auf diesen Uebergang in das 
Bewusstsein sind offenbar zwei Modalitäten zu denken. Man kann einmal 
annehmen, dass die Seele diese in den Sinnesorganen während der phy¬ 
siologischen Thätigkeit stattfindenden Veränderungen als blosses Material 
behandelt, welches sie selbständig bearbeitet und aus dem sie ihre 
Empfindungen herstellt, indem sie nach ihrer Weise diese Veränderungen 
interpretirt. In diesem Falle braucht gar keine bestimmte Beziehung zu 
bestehen zwischen der Natur der in dem Endorgan stattfindenden mate¬ 
riellen Veränderung und dem Wesen und der Qualität des Empfindungs¬ 
vorganges; ebensowenig wie eine Beziehung besteht zwischen der Form 
eines gedruckten Wortes und dem Wesen der damit bezeiclmeten Sache. 
Ja, man könnte sich bei dieser „Interpretationstheorie“ einen grundsätz- 
1 Wäre die Annahme von der Existenz besonderer centraler Endapparate für 
die Empfindungsnerven richtig, so müsste man erwarten, dass im Gehirn die 
Ursprungsstätten des 1ST. opticus und N. acusticus entsprechend der grossen Ver¬ 
schiedenheit und Vielheit der hier zu reproducirenden Empfindungen auch eine 
entsprechende Complication und einen entsprechenden Reichthum der Structur zeigen 
müssten. Dies ist aber durchaus nicht der Fall: vielmehr verhalten sich die Ursprünge 
dieser Nerven anatomisch durchaus nicht abweichend von den Ursprüngen gewöhn¬ 
licher sensibler Nerven. 
Nachträglicher Zusatz. Erst nach dem Niederschreiben dieser Anmerkung 
wurde mir die schöne Abhandlung W. Müller’s über die Retina bekannt, in welcher, 
wenn auch mit ganz anderen Gründen, ganz derselbe Standpunkt vertreten wird 
( Die Starmnesentwiclcelung des Sehorganes innerhalb des Typus der Wirbelthiere. 
Leipzig 1875. S. 52).
        

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