Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Wahrnehmung eigener passiver Bewegungen durch den Muskelsinn [Offprint]
Person:
Schaefer, Karl L.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37646/11/
Ueb. die Wahrnehmung eigener passiver Bewegungen durch den Muskelsinn. 573 
wieder in Ruhe ist, sieht man noch eine Weile Nystagmus der 
Augen und zwar im entgegengesetzten Sinne der Rotation. 
Meine Versuche an Wirbellosen sind noch nicht zum Abschluss 
gelangt. Ich kann darüber einstweilen nur so viel sagen, dass 
ich ausgesprochene Zwangsbewegungen nirgends gesehen habe. 
Die meisten Versuchsobjecte, Krebse, Regenwürmer, Raupen, di¬ 
verse Käfer und Fliegen, zeigten sich völlig indifferent, sowohl 
während des Versuches als auch nach demselben. Von 100 Gar¬ 
tenschnecken, die ich im Sinne des Uhrzeigers drehte — 
beiläufig’ erwähnt, mit einer Geschwindigkeit von einer halben 
deutschen Meile in der Minute — wendeten nur 84 den Kopf der 
Drehrichtung entgegen, bei der Rotation wider den Uhrzeiger nur 
74. Keine einzige aber setzte die Drehung nach dem Aufhören 
des Versuches fort. 
Zurück also zu den Vertebraten. 
Die Verdrehung des Kopfes, das Gegenlaufen gegen die 
Drehung und die Zwangsrotationen erklärt nun Mach in seiner 
Arbeit „Grundriss der Lehre von den Bewegungsempfindungen, 
Leipzig 1875“ auf Grund seiner Untersuchungen am Menschen da¬ 
hin, dass das Thier, durch die Vermittelung der Bogengänge von 
der Bewegung benachrichtigt, dieser zu entgehen strebe, und dass 
also die Kopfwendung und das Laufen gegen die Rotation als 
Fluchtversuch aufzufassen seien. Im Momente des Aufhörens der 
Drehung, meint er weiter, habe das Thier, gleichwie der Mensch, das 
Gefühl, im entgegengesetzten Sinne gedreht zu werden und bemühe 
sich, durch eine antagonistische Bewegung diese zu compensiren. 
Dieselbe Auffassung findet sich auch in Hermann’s kleinem Lehr¬ 
buch der Physiologie, achte Auflage, Seite 421 ausgesprochen. 
Meiner Ansicht nach kann sich aber ein objectiv Urtheilender 
nicht mit einer solchen Erklärung zufrieden geben ; denn die Basis 
derselben, die Idee, dass das Thier die passive Bewegung als etwas 
Unangenehmes empfinde, dem es um jeden Preis entfliehen müsse, 
ist eine ganz unbewiesene Annahme, die überdies noch bei ein¬ 
gehenderer Betrachtung sehr an Wahrscheinlichkeit verliert. Ich 
wenigstens halte es nicht für wahrscheinlich, dass ein Kaninchen, 
welches jedenfalls doch noch nie auf dem Caroussel gefahren ist, 
denkt : jetzt werde ich im Kreise gedreht und zwar rechts herum, 
und damit mich die Centrifugalkraft nicht herabwirft uud ich mir 
dabei etwas zerbreche, will ich links herumlaufen, denn dadurch
        

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