Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Bedeutung der geschlechtlichen Fortpflanzung. Vortrag, gehalten im Verein deutscher Aerzte zu Prag am 28. October 1887 [Offprint]
Person:
Hatschek
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37645/9/
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Anders ist es aber, wenn von Zeit zu Zeit eine Kreuzung mit 
Individuen aus anderen Generationen, die gleichsam andere stammes- 
gescliiclitliche Erlebnisse erfahren haben und daher in einem gewissen 
Grade verschieden sind, stattfindet. Es wird mit der Vermischung 
der beiderseitigen Eigentümlichkeiten in vielen Fällen auch eine 
Correctur der schädlichen Veränderungen eintreten. Wenn auch jene 
anderen Organismen nicht vorzüglicher sind, wenn nur ihre Fehler 
in anderer Richtung liegen, so ist der Effect der Kreuzung eine Ver¬ 
besserung. Wir können demnach die geschlechtliche Fortpflanzung 
als eine Correctur schädlicher Variabilität (erblicher Er¬ 
krankung) betrachten. 
Wir wollen hieraus die verschiedenartigen Ergebnisse der 
Kreuzung, die wir früher angeführt haben, zu erklären versuchen. 
Durch die Inzucht ist nicht direct eine Schädlichkeit gesetzt, sondern 
es ist nur die Correctur der schädlichen Veränderungen in Wegfall 
gekommen. Daher kann die Inzucht bei vollkommen gesunden Orga¬ 
nismen ganz gute Resultate ergeben, anders aber, wenn beiderseits 
eine gleiche erbliche Erkrankung besteht, es ist dann einer rapiden 
Steigerung derselben keine Schranke gesetzt. 
Bei Kreuzung von Individuen, die in einem gewissen Grade 
verschieden sind, ist die Wahrscheinlichkeit einer Correctur am grössten, 
daher das Ergebniss solcher Kreuzungen das günstigste. 
Dass bei noch grösserer Verschiedenheit ein ungünstigstes Er¬ 
gebniss eintritt, wie es in den Bastarden aus verschiedenen Arten sich 
zeigt, ist aber auf andere heterogene Ursachen zu beziehen; hier ist 
nämlich die Verschiedenheit der beiden Plasmaarten (Constitutionen) 
eine derartige, dass eine Vermischung (Interferenz) derselben nicht mehr 
ohne Störung der Lebensvorgänge möglich ist. 
Wir haben vorhin die geschlechtliche Fortpflanzung als Correctur 
schädlicher Variabilität bezeichnet. Da wir diese letztere auf die 
äusseren Lebensbedingungen zurückführen, so können wir, indem wir auf 
die tieferen Ursachen zurückgehen, auch sagen, dass die geschlechtliche 
Fortpflanzung eine Correctur gegen die erbliche Wirkung 
einseitiger Leb ensb edingungen sei. 
In ähnlicher Weise hat sich schon Darwin geäussert, indem 
er darauf hinweist, dass ein „Parallelismus zwischen den Wirkungen 
der veränderten Lebensbedingungen und der Kreuzung“ bestehe: „Es 
scheint mir, dass einerseits geringe Veränderungen in den Lebensbe¬ 
dingungen aller organischen Wesen vortlieilhaft sind, und dass an¬ 
dererseits schwache Kreuzungen, nämlich .zwischen Männchen und 
Weibchen derselben Art, welche unbedeutend verschiedenen Bedingungen 
ausgesetzt gewesen sind und unbedeutend variirt haben, der Nach¬ 
kommenschaft Kraft und Stärke verleihen. Dagegen haben wir aber 
gesehen, dass bedeutendere Veränderungen der Verhältnisse die Orga¬ 
nismen, welche lange Zeit an gewisse gleichförmige Lebensbedingungen
        

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