Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Verrichtungen des Grosshirns. Dritte Abhandlung [Offprint]
Person:
Goltz, Friedrich J. v. Mering
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37635/38/
artiger Natur sind, vollkommen neue Funktionen übernehmen, ist 
die böseste von allen. Ist schon die Zumuthung stark, dass um¬ 
schriebene Centren wie eine verfolgte Zigeunerbande von einem 
Punkte der grauen Substanz zum andern gejagt werden sollen, 
wie soll ich energisch genug den Gedanken abweisen, dass die 
tiefen Hirnganglien ohne Weiteres noch sämmtlichen vertriebenen 
Centren der Grosshirnrinde Obdach gewähren sollen. Das ist die¬ 
selbe Zumuthung als wenn die Centren, die ich im Lendenmark 
nachgewiesen habe, auf dem Wege der Wanderung aus der me¬ 
dulla oblongata, wo man sie vor mir suchte, in das Lendenmark 
sich eingeschlichen haben sollten! An Wunder glaube ich vor¬ 
läufig nicht. 
Diese Kritik habe ich ja in wesentlichen Zügen bereits früher 
geliefert-; aber ich habe mich überzeugen müssen, dass der Baum 
des Irrthums nicht auf einen Hieb zu fällen ist, dass er vielmehr noch 
lebenskräftig genug war, um neue wunderliche Blüthen zu treiben. 
Aber fallen wird dieser Baum. Ich hoffe den Tag zu erleben, an wel¬ 
chem man alle die fein ausgearbeiteten modernen Hypothesen von 
engumschriebenen Centren der Hirnrinde in dasselbe Grab der Ver¬ 
gessenheit betten wird, in welchem Galls Phrenologie so sanft ruht. 
Meine eigenen Erfahrungen über die Lokalisation der 
Funktionen des Grosshirns. 
Wenn ich im Vorstehenden bewiesen zu haben glaube, dass 
diejenigen Lokalisations-Hypothesen unhaltbar sind, welche sich 
ausschliesslich oder hauptsächlich auf die Beobachtung derjenigen 
Erscheinungen stützen, welche unmittelbar nach der Verletzung des 
Grosshirns hervortreten, so ist damit natürlich nicht gesagt, dass 
es gar keine Lokalisation der Funktionen des Grosshirns gibt. 
Die Bearbeitung der Frage muss nur wieder da ansetzen, wo sie 
vor Entdeckung der elektrischen Beizungspunkte stehen geblieben 
war. Lu ss an a und Lemoigne haben in ihrem Werk über die 
Physiologie der Nervencentren bereits den, wie mir scheint, rich¬ 
tigen Weg angegeben, auf welchem ein sicherer Fortschritt in 
dieser Kichtung erwartet werden kann. Man muss zuerst die 
dauernden Folgen der Zerstörung grosser Abschnitte der 
Binde feststellen, bevor man sich an die letzte Aufgabe wagt, die
        

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