Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Verrichtungen des Grosshirns. Dritte Abhandlung [Offprint]
Person:
Goltz, Friedrich J. v. Mering
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37635/22/
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Fr. Goltz: 
Er frass darauf, ohne von diesem Vorfall weitere Notiz zu nehmen, 
das blutige Stroh, auf welchem das Fleisch gelegen hatte. An 
seinem eigenen Körper findet er sich ebensowenig zurecht, wie in 
der Aussenwelt. Um dies deutlich zu machen, stellte ich folgen¬ 
den Versuch an. Es wurde ihm ein Gurt ähnlich wie ein Sattel¬ 
gurt um den Bauch gelegt und ein Stück Fleisch von über 500 gr 
unten an demselben befestigt, so dass das Fleisch dicht vor den 
Geschlechtstheilen frei herabhing. Dann wurde das Thier, welches 
hungrig war, sich selbst überlassen. Er roch sofort die grosse 
Fleischmasse und suchte sie vor sich auf dem Erdboden. Eine 
Reihe von Stunden wanderte er so mit dem Fleischpendel herum, 
ohne auch nur den Versuch zu machen, sich hinzusetzen und die 
leicht erreichbare Beute zu packen. Dieser Versuch verlief übri¬ 
gens in ganz derselben Weise bei anderen Thieren mit grossem 
doppelseitigem Substanzverlust des Grosshirns. Macht man genau 
denselben Versuch an einem unversehrten Hunde, dem man die 
Augen zuhält, bis zu dem Moment wo man ihn freilässt, so unter¬ 
sucht das Thier natürlich sofort den angelegten Gurt, frisst 
das Fleisch weg und strebt sich nachher von dem Gurte zu 
befreien. 
Unser Hund ist äusserst gefrässig. So weit er freiwillige Be¬ 
wegungen macht, sind diese in der Regel durch den Trieb veran¬ 
lasst, sich Nahrung zu verschaffen. Wenn er satt ist, liegt er 
ruhig da oder steht, ohne sich zu rühren. Ist er sehr hungrig, so 
gibt er wohl auch durch Geheul von seinem Nahrungsbedürfniss 
Kunde. Die Dinge der Aussenwelt interessiren ihn nur so weit, 
als sie essbar sind. Was er nicht verzehren kann, ist ihm so 
gleichgültig wie die Luft. Er lässt sich niemals darauf ein, einen 
anderen Hund zu beriechen, auch dann nicht, wenn es ein neuer 
Ankömmling ist. Selbst eine läufige Hündin beriecht er nicht und 
verräth überhaupt keine Spur von Geschlechtstrieb. Gegen den 
Menschen verhält er sich ebenso theilnahmlos wie gegen seines 
Gleichen. Es gibt kein Mittel ihn zu einem Ausdruck der Freude 
zu bringen. Niemals wedelt er mit dem Schwänze oder zeigt 
durch eine andere Körperbewegung, dass es ihm angenehm ist, 
Futter zu empfangen. Wenn man ihn streichelt, so bleibt er eben¬ 
falls stumpf. 
Er ist weder gewaltthätig noch vertheidigt er sein Eigenthum. 
Einem Hunde einen Knochen aus dem Rachen zu nehmen, ist be-
        

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