Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die physiologische Bedeutung der Bogengänge des Ohrlabyrinths [Offprint]
Person:
Goltz, Friedrich
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37631/21/
lieber die physiol. Bedeutung der Bogengänge des Ohrlabyrinths. 189 
bene Organ einer Seite hinreicht, um dem Centrum im Gehirn die 
nöthigen Nachrichten über die Stellung des Kopfes zu geben. 
Wir wenden uns jetzt zur Erledigung einer andern Frage. 
Wenn es nach unserer Hypothese begreiflich scheint, dass eine 
Taube mit verstümmelten Bogengängen den Kopf verdreht trägt, und 
wunderliche Bewegungen mit ihm ausführt, weil sie eben weder Hal¬ 
tung noch Bewegung des Kopfes richtig zu schätzen weiss, so wird 
dadurch doch noch immer nicht verständlich, warum das Thier nicht 
fliegen kann, warum es auf die Stuhllehne gesetzt so leicht herun¬ 
terfällt. Kurz, es ist nicht klar, warum die Gleichgewichtsstörung 
des Kopfes sich auf den Rumpf überträgt. Wenn wir dieser Ein¬ 
wendung gegenüber unsere Hypothese aufrecht erhalten wollen, so 
bleibt uns offenbar nichts übrig, als zu behaupten, dass die allge¬ 
meinen Störungen des Gleichgewichts allerdings nothwendige Folge 
sind von dem gestörten Gleichgewicht des Kopfes. Die Zulässig¬ 
keit dieser Behauptung muss aber erst erwiesen werden, und dieser 
Forderung glaube ich genügen zu können, indem ich über den Er¬ 
folg des nachstehenden Experiments berichte. 
Ich habe einer vollständig gesunden Taube den Kopf mittelst 
der blutigen Naht genau in derselben Stellung vor der Brust be¬ 
festigt, welche der oben beschriebene Tauber freiwillig wählt. Dei 
Kopf wurde also nach rechts so weit herumgedreht, bis der Scheitel 
dem Erdboden zugewandt war, und sodann die Haut des an die 
Brust angelegten Hinterhaupts mit der Brusthaut vereinigt. Setzte 
ich das Thier eine W7eile nach dieser geringfügigen Operation auf 
die Lehne eines Stuhles, so fiel es sofort nach hinten herab, als 
ich den Stuhl nur wenig neigte. Liess ich das Thier frei in der 
Luft los, so stürzte es unter lebhaftem Flügelschlag senkrecht auf 
den Fussboden. Die Taube war demnach ganz aussei Stande, zu 
fliegen. Setzte ich das Thier auf den Boden, so zeigte es keine 
Neigung, von selbst den Standort zu verlassen. Gab ich der Taube 
wiederholte Stösse, so machte sie einige Schritte rückwärts. Wir 
sehen, dass diese Erscheinungen in vielen Punkten die gi össte Aehn- 
lichkeit darbieten mit denen, die wir an der Taube mit zerstörten 
Bogengängen sahen. Es ist nicht schwer, einige von den geschil¬ 
derten Beobachtungen zu erklären. Wenn ich eine Taube auf eine 
Stuhllehne setze und den Stuhl hin- und herneige, so sehe ich, dass 
das Thier durch zweckentsprechende Bewegungen von Kopf und 
Hals das Gleichgewicht festzuhalten weiss. Nähe ich dem Thier
        

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