Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Verrichtungen des Grosshirns. Zweite Abhandlung [Offprint]
Person:
Goltz, Friedrich E. Gergens
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37627/4/
Ueber die Verrichtungen des Grosshirns. 
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den ich am 16. November bei einer Hündin anstellte, die am 3. 
November einen sehr beträchtlichen Verlust der linken Hirnhälfte 
erlitten hatte, und bei welcher die Kopfwunde gerade verheilt war. 
Ich legte dem kleinen zartgebauten Thierchen eine Drahtklemme ]) 
zuerst an einer Zehe des rechten Hinterfusses. Sie machte einige 
Bewegungen mit demselben Fuss, als wenn ihr die Klemme unbe¬ 
quem wäre, gab aber keinen Laut von sich. Nach einiger Zeit be¬ 
freite ich sie von der Drahtklemme, liess dem Thier einige Buhe 
und befestigte sie dann in der gleichen 'Weise an dem entsprechen¬ 
den Zeh des linken Hinterfusses. Die Hündin liess alsbald ein kläg¬ 
liches Gewinsel hören, das sofort aber aufhörte, als ich ihr die 
Klemme abnahm und sie wieder an dem rechten Fusse befestigte. 
Zum Schluss legte ich die Klemme abermals an den linken Hinter- 
fuss und liess sie liegen. Das Thierchen fing an jämmerlich zu 
heulen und nach kurzer Zeit trat ihm schaumiger Speichel aus dem 
Maule. In der Sorge, dass andere gefahrdrohendere Beflexerschei- 
nungen folgen könnten, brach ich nun den Versuch ab und liess 
das Thier frei. Dieser und andere ähnliche Versuche werden später 
noch zu anderen Bemerkungen Anlass geben. Es handelte sich in 
diesem Falle wohl nicht bloss um eine Herabsetzung der Empfin¬ 
dung auf der gekreuzten (rechten) Seite, sondern ausserdem um 
eine Steigerung der Empfindlichkeit auf der Seite des operativen 
Eingriffs. 
Es war zu erwarten, dass bei den beiderseits operirten Hun¬ 
den die Abstumpfung der Empfindung auf beiden Körperhälften nach¬ 
zuweisen sein würde. Diese Erwartung fand ich auch stets bestä¬ 
tigt. Hunde, die vor Wochen oder Monaten eine erhebliche Ver¬ 
stümmelung beider Hirnhälften erlitten haben, stossen bei ihren 
Bewegungen, namentlich beim Springen, vollkommen rücksichtslos 
gegen beliebige Gegenstände an, ohne jemals Schmerz dabei zu 
äussern. Ein doppelseitig operirter Hund, der in einen Kasten ge¬ 
setzt war, über welchen man, um ihn am Herausspringen zu hin¬ 
dern, ein Brett gelegt hatte, sprang fortwährend mit solcher Ge¬ 
walt gegen den Deckel, dass er sich die schon vernarbte Kopfwunde 
wieder aufriss, ohne deswegen von seinem Treiben abzulassen. Die 
Thiere treten bald mit diesem oder jenem Fuss, bald mit beiden 
1) Eine sogenannte serre fine, wie sie zum Verschluss von Wunden 
gebraucht werden.
        

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