Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Verrichtungen des Grosshirns. Zweite Abhandlung [Offprint]
Person:
Goltz, Friedrich E. Gergens
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37627/24/
Ueber die Verrichtungen des Grosshirns. 
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Ausdruck zu bezeichnen möchte ich sagen : Thiere mit Durchspü¬ 
lung beider Hälften des Grosshirns haben ein mangelhaftes Ort- 
fin dungsvermögen. 
Thiere mit so verhängnissvollen Mängeln sind ohnmächtige 
Streiter im Kampf um’s Dasein. Treffen sie bei der Befriedigung 
ihrer Triebe auf Mitbewerber, so unterliegen sie überall der 
grösseren Energie oder Geschicklichkeit derselben. Sperrt man 
Hunde, die eine Verstümmelung des Gehirns erfahren haben, mit 
anderen unversehrten zusammen, so wird jeder Knocheu, den man 
unter die Menge wirft, sofort von den unversehrt Gebliebenen weg¬ 
geschnappt. Man bemüht sich vergeblich, einem verstümmelten Hunde 
etwas zuzuwenden, so lange gesunde Thiere zugegen sind. Ja die 
blödsinnigen Geschöpfe werden selbst dann ihrer Beute nicht ein¬ 
mal froh, wenn sie dieselbe bereits im Bachen haben. Ein kleiner 
gesunder Probirhund, der mit einem fünfmal so grossen doppelseitig 
operirten Hunde zusammengesperrt war, erspähte jedesmal den 
Augenblick, wenn der grosse beim Bearbeiten eines Knochens das 
Maul weit aufthat, fuhr ihm dann ohne Weiteres in den Bachen 
und raubte ihm den Knochen. Der blödsinnige Biese knurrte dazu, 
vermochte dem zwerghaften Diebe aber nichts anzuhaben, weil er 
ihn nie fand. Vorher habe ich schon eine ähnliche Scene beschrie¬ 
ben. Dergleichen Auftritte spielten sich täglich ab. Gab ich einem 
blödsinnigen Hunde einen langen Fetzen Fleisch, so fasste sofort 
ein gesunder das andre Ende, zog es dem verstümmelten aus dem 
Maule und war damit verschwunden, bevor der Beraubte auch nur 
Zeit fand, seinen Ingrimm zu äussern. Gerathen die zusammenge¬ 
sperrten Hunde in Streit, so bekommen die Blödsinnigen die Bisse 
von Allen, vermögen sich aber nicht zu rächen, weil sie trotz ihrer 
Wuthausbrüche die Gegner nicht treffen können. Nach dem Vor¬ 
stehenden leuchtet es ein, dass wir die verstümmelten Hunde im¬ 
mer gesondert füttern mussten, wenn wir dafür sorgen wollten, dass 
sie den ihnen gebührenden Antheil auch richtig bekamen. 
Die Aeusserungen des mächtigsten Triebes, des Geschlechtstriebes, 
fehlen bei Hunden, die nur mässige Verluste auf beiden Seiten des 
Grosshirns erlitten haben, nicht. Ein solcher Hund bemühte sich 
offenbar um die Zuneigung einer läufigen Hündin, vermochte es 
aber nicht, die Begattung zu vollziehen, weil er es nicht verstand, 
die Hündin mit den Vorderbeinen zu umfassen. Diese wurde übri¬ 
gens der Zärtlichkeit des blödsinnigen Freiers bald überdrüssig
        

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