Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Verrichtungen des Grosshirns. Zweite Abhandlung [Offprint]
Person:
Goltz, Friedrich E. Gergens
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37627/23/
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Fr. Goltz: 
flexbewegung machte ein Hund, dem ich mehre Klemmen an die 
Vorhaut gelegt hatte. Er begann sich auf beiden Seiten zu kratzen, 
traf aber niemals die Geschlechtstheile, sondern immer nur die Sei¬ 
tenflächen des Körpers. Ein dritter Hund, dem ich eine Klemme 
an’s Ohr gelegt hatte, schüttelte wiederholt den Kopf. Wurde die 
Klemme an der Lippe befestigt, so schlug das Thier mit dem ent¬ 
sprechenden Vorderfuss danach. Das Ergebniss dieser Versuche an 
Thieren mit Durchspülung beider Hälften des Grosshirns war also, 
dass die andauernden örtlichen Reize zwar sehr zahlreiche, zum 
Theil auch zweckmässige Reflexbewegungen auslösten, dass aber 
niemals die gereizte Stelle methodisch mit der Schnauze untersucht 
wurde, wie dies von unversehrten Hunden doch stets geschieht. 
Nachdem ich diese Erfahrungen an doppelseitig operirten Hunden 
gemacht hatte, erwartete ich, dass Thiere mit einseitig durchspül- 
tem Hirn sich vielleicht an der einen Hälfte ihres Körpers zurecht¬ 
finden würden und an der anderen nicht. Der Erfolg war indess 
ein anderer. Auch Hunde, die nur die Verstümmelung einer Hälfte 
ihres Grosshirns erlitten haben, vermögen eine ihnen z. B. auf den 
Schwanz oder die Vorhaut oder die Zehen gesetzte Klemme nicht 
zu finden. Sie wandern unter Aeusserungen des Unbehagens oder 
des Schmerzes umher, führen aber nicht die Schnauze zu der ver¬ 
letzten Stelle. x\lle diese Thiere hatten mehrere Gramm Gehirn 
eingebüsst. 
Diese Versuche lehren uns übereinstimmend, dass Hunde mit 
verstümmeltem Grosshirn nicht im Stande sind, einen Punkt ihres 
eigenen Körpers zum Zweck der Abwehr oder Untersuchung mit 
ihrer Schnauze zu erreichen. Die nächstliegende Deutung dieser 
Thatsache ist wohl die, dass diese Thiere einen mangelhaften Raum¬ 
sinn der Haut haben. Ist aber diese Qualität des Tastsinns so 
schwer geschädigt, so kann es uns nicht mehr wundern, dass sie 
sich in der Aussenwelt so schwierig zurechtfinden können. Die bei¬ 
den Sinne, welche so innig verknüpft sind mit der Raumvorstellung, 
der Gesichtssinn und der Tastsinn, die beiden Sinne, auf welche wir 
uns eben bei der Ortfindung verlassen müssen, sind bei ihnen in 
gleicher Weise gestört. 
Wenn ich im Anfänge dieser Abhandlung bemerkte, dass die 
Erscheinungen, welche doppelseitig operirte Thiere darbieten, zum 
Theil sehr überraschender Natur seien, so hatte ich dabei diese 
eben geschilderten Störungen im Auge. Um diese mit einem kurzen
        

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