Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Verrichtungen des Grosshirns [Offprint]
Person:
Goltz, Friedrich E. Gergens
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37625/23/
Ueber die Verrichtungen des Grosshirns. 
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springend sich des Fleisches zu bemächtigen, während andere ver¬ 
stümmelte Hunde, die beide Augen besassen, sofort hin übersprangen 
und das Fleisch fortschnappten. Die beiden Tische mussten bis auf 
25 Centimeter einander genähert werden, bevor es ihm gelang, ge¬ 
legentlich einmal von einem Tisch auf den andern hinüber zu treten. 
Dies glückte ihm auch nur dann, wenn er zufällig mit der linken 
Pfote voran trat. Er strauchelte dagegen leicht, so wie er mit der 
rechten Vorderpfote voran hinübertappte. 
Der Leser könnte den Verdacht aussprechen, dass das Thier 
vielleicht aus psychischen Gründen, aus Mangel an Muth oder aus 
Dummheit so unzweckmässig gehandelt habe. Ein solcher Verdacht 
wird aber durch das übrige Verhalten des Thieres widerlegt. 
Er war nichts weniger als dumm oder feige. So hatte er sich 
bald gemerkt, dass er an jedem Vormittage aus seinem Behälter 
herausgeholt wurde, um sich der Reinigung der Wunde zu unter¬ 
werfen. Da ihm diese Hantirung unbequem wurde, so setzte er 
später jedesmal dem Versuch ihn herauszuholen gewaltsamen Wider¬ 
stand entgegen. Man musste ihn mit List zu fassen suchen, wenn 
man seine Bisse meiden wollte. Er befand sich mit mehreren Hun¬ 
den zusammen in einem grossen Käfig. Wurde eine Schale mit Fleisch 
hineingestellt, so stürzten sich die anderen sofort darauf. Er selbst 
wurde erst aufmerksam, wenn er das Geräusch des Fressens der 
anderen hörte. Dann aber fand er schnell durch die Witterung 
die Schüssel und wusste sich seinen Antheil am Mahle zu sichern. 
Warf man einen Knochen in den Käfig, so konnte man im Voraus 
wissen, dass der Einäugige ihn nach einiger Zeit in den Zähnen 
haben würde, denn er verstand es mit grösster Frechheit Anderen 
ihre Beute zu rauben oder zu stehlen. 
Liess man ihn im Zimmer herumlaufen, so ging er Hinder¬ 
nissen geschickt aus dem Wege, während er, wie angegeben, Fleisch 
nicht sah, entfernte Personen nicht erkannte. Um strenge zu prüfen, 
ob er den Gegenständen wirklich mit Benutzung des Auges aus¬ 
wich, stellte ich am 28. Februar 1876 noch folgenden Versuch an. 
Es wurde ihm auf das einzige rechte Auge ein Bausch Wolle gelegt 
und eine Kautschukkappe derartig darüber festgebunden, dass kein 
Lichtstrahl in’s Auge gelangen konnte. Um ihn daran zu hindern, 
dass er sich die Kappe abreisse, wurde ihm der Kopf ausserdem in 
einen Maulkorb aus Draht gesteckt. Sich selbst überlassen, weigerte 
er sich trotz aller Lockrufe sich von der Stelle zu bewegen. Erst
        

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