Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Verrichtungen des Grosshirns [Offprint]
Person:
Goltz, Friedrich E. Gergens
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37625/18/
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Fr. Goltz : 
Theil wiedergefunden, ist aber entschieden noch immer gestört. Er 
versteht es nicht Fleisch oder ein Trinkgefäss zu finden, wenn diese 
Dinge ihm von rechts her genähert werden. Drohende Geberden 
vor seinem rechten Auge ausgeführt erschrecken ihn nicht. Beim 
Herumlaufen stösst er nicht mehr gegen Hindernisse an. 
Es schien mir nach diesen und anderen Erfahrungen, als wenn 
das Thier durch die Bilder der rechten Netzhaut nicht mehr zu 
leidenschaftlichen Bewegungen gebracht werden könne. Um 
die Richtigkeit dieses Gedankens zu prüfen, liess ich folgenden Ver¬ 
such anstellen. 
Es ist bekannt, dass Hunde sehr leicht in Schreck oder Wuth 
versetzt werden, wenn sich ihnen Menschen in einem fremdartigen 
Aufzuge nähern. Schornsteinfeger und slovakische Drahtbinder 
werden von allen Strassenkötern mit Vorliebe angefallen. Der 
eigene Herr wird von seinem Hunde angebellt, wenn er plötzlich in 
einem ungewohnten Aufzuge vor ihn tritt. Auf meine Anordnung 
hin steckte sich nun der Institutsdiener in eine abenteuerliche Ver¬ 
mummung von möglichst grellen Farbentönen. Er hüllte sich in 
eine lange feuerrothe Decke, setzte vor das Gesicht eine abschreckend 
hässliche Larve mit langem schwarzem Barte und deckte sein Haupt 
mit einem alten Hute, der mit bunten Tüchern umwickelt war. Es 
wurde nun so eingerichtet, dass der Vermummte geräuschlos in’s 
Zimmer trat, ohne von dem Thiere gesehen zu werden. Während 
ich und meine Assistenten uns mit dem Hunde beschäftigten, trat 
er hinter uns. Auf ein Zeichen wichen wir zur Seite und die höl¬ 
lische Gestalt wurde dem Hunde so plötzlich sichtbar. In einer 
eigenthümlichen Mischung von Wuth und Entsetzen stürzte er sich 
mit gesträubter Mähne sofort auf den Vermummten, dass die Kette, 
die er trug, fast zerrissen wäre. Der Verabredung gemäss zog sich 
der Diener sogleich in’s Nebenzimmer zurück. Das Thier beruhigte 
sich nur langsam nach dem Erlebniss. Dieser Vorversuch war am 
8. December 1875 angestellt worden. 
Am 11. December schälte ich dem Hunde in tiefer Chloroform- 
narkose den linken Augapfel aus. 
Nachdem inzwischen das Thier sich bereits erholt hatte und 
den besten Appetit zeigte, wurde am 14. December der Versuch vom 
8. genau in derselben Form wiederholt. 
Beim Anblick der phantastischen Gestalt stand der kauernde 
Hund nicht einmal auf, sondern starrte nur wie blödsinnig die Er-
        

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